
gewesen. Und sie hatte oft das Gefühl gehabt, als müsse sie irgend etwas
zerschlagen, etwas, das sie von ihrem Schicksal fern hielt, das ihr verwehrte,
sich frei den Dingen zuzuwenden mit dem Willen, das Gute in ihnen aufzufinden.
Und sie wusste nicht, was es war. Der Gedanke, ihre gebundenen Willensgeister in
eine Stätte zu verpflanzen, wo sie sich freier tummeln, wo sie in irgendeiner
Weise ihrer Wirkung zuwachsen konnten, war immer stärker in ihr geworden. So
hatte sie sich für Berlin entschlossen. Eigentlich programmlos kam sie in die
Weltstadt, die ihr wie ein wunderbar weites Asyl für die »Obdachlosen« erschien,
- für die, die nicht in irgendeiner Tradition wurzelten, die keinem geliebten
Boden verpflichtet waren, die keine andere Nationalität verkörperten, als die
des Weltbürgers deutscher Sprache und nichts wollten, als sich tummeln und ihre
Kräfte regen. Bedrängt von Verwandtenfürsorge, beengt von schematischen
Konventionen, begrenzt und beobachtet, misstrauisch belächelt, zu Verformungen
gezwungen, die sie belästigten, - so hatte sie in Wien gelebt, und darum hatte
die Luft dieser als so anmutig und gemütlich geltenden Stadt sie bedrückt; und
immer hatte sie gedacht: da draußen im Reiche, in dieser großen Hauptstadt, da
sind die Wege weiter. Da finden sich Wäge- und Prägestätten für Willenskräfte,
und da kann man besser - untergehen, weniger begafft, wenn es zum Bestehen nicht
reicht. Mit derselben Gleichgültigkeit, mit der diese weite Stadt deinen
Untergang duldet, lässt sie dir auch alle ihre Wege offen, die zu deinem Ziele
führen. Rühre dich, werde oder vergehe, so spricht diese Stadt. Nicht wie jene
andere, die sie verlassen hatte, die da sprach: - friste dich ...
    Es war ihr geglückt, für einige österreichische Blätter zu zeitweiliger
Berichterstattung über die deutsche Frauenbewegung, wenn auch auf unverbindliche
Art, aufgefordert zu werden. Sie sollte Versammlungen und Kongresse besuchen und
darüber referieren. So unverbindlich dieses Engagement auch war, - es war doch
ein kleiner Verbindungsweg, der aus der Isolierung hinüberleitete in die Fülle
des Zusammenklangs sozialer Kräfte und sie gerade hineinführte in die Sphäre,
mit der sie sich durch Strömungen bedeutender Art verbunden fühlte. So war ihr
Programm dieses: äußerlich die Wege zu suchen, die für diese Bewegung die
wichtigsten Bahnen bedeuteten, genaue Kennerschaft auf diesem Gebiet zu erwerben
und so, neben äußerer Tätigkeit, mehr und mehr auch zu innerer Deutlichkeit über
ihre eigene Stellung zu diesem Phänomen zu gelangen, über die Gründe ihrer
Auflehnung gegen so manches Dogma jener neuen Anschauung, welche mit der Frau
als einem selbstverantwortlichen und selbsttätigen Wesen rechnete, und über ihre
Ahnungen, die sie manchmal mehr beunruhigten, als befreiten. Der Schwerpunkt der
ganzen Frage schien
