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Tage verstrichen, Tage, in denen die Seele sich tief und willig ihrem Weh
verkettet ... Da kam ein Brief von Werner.
    Er erzählte von seinem Leben in der Blockhütte ... Zwei Stunden täglich
arbeitete er auf dem Acker- und Gartenland, das die Hütten einte, und dessen
Ertrag die Ansiedler zum größten Teil nährte. Reichte die Ernte nicht aus, so
half der europäische Verein, denn Bettelmönchtum lag nicht im Sinne
neubuddhistischer Reform. Vor der Aufnahme hatte er ein tiefschürfendes
philosophisches Verhör zu bestehen gehabt. Wie er jetzt erfuhr, hatte ein
besonderes Schreiben des Herrn von Bredow seine Aufnahme begünstigt. Die ganze
übrige Zeit - außer jener zweistündigen Gartenarbeit, - gehörte den Jüngern, zur
Versenkung und zum Gespräche über die tiefsten Fragen. So hatte er den Sommer
verbracht, und geistliche Stille hatte sich über seine Seele gebreitet. Manchmal
freilich geschah es, dass es wie ein Aufschrecken, wie eine plötzliche Unruhe
immer noch über ihn kam; er glaubte dann hinhorchen zu müssen, - hin, nach der
Welt des Kampfes, in der die Musse nur in spärlichen Mengen gewährt ist und in
der die höchsten Preise andere sind als die, die ihm jetzt beschieden sein
mochten ... Dann fragte er sich wohl, ob nicht seinem scheinbar so einfachen
Leben, doch ein Gedanke von Künstlichkeit, ja von Gewaltsamkeit zugrunde lag, -
ob nicht dieses absichtsvolle Vermeiden aller Möglichkeiten des Glückes, -
dieses ängstliche Erdrücken aller Wunschkeime - - eine Gewalttat war, die dem
Gang des Lebens in die Zügel fiel?... Gewiss, das Ziel war ein hohes: Ruhe des
Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern; so wurde man frei ...
    Hier sank der Brief aus Olgas Händen. Ein Gedanke durcheilte sie, ließ sie
den Kopf starr aufrichten, als lausche sie einer verborgenen Stimme ... Wie? War
denn nicht gerade das auch die Freiheit, um die sie rang, - hier, mitten am
Kampfplatz? »Ruhe des Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern« - war das
nicht auch gerade die neue Aufgabe der Frau? Jahrtausendelang hatte die Frau nur
dann im Frieden geruht, wenn ihr das Schicksal zuteil wurde, ihr Leben mit
anderem Leben aufs engste zu verknüpfen. Ausserhalb dieser Ruhe war für sie -
Vogelfreiheit gewesen, Verfolgung, Rastlosigkeit und Gram. Aber die neue Frau -
die auf ihr Selbst verwiesene, - die hatte eine neue Ruhe zu erobern, deren
Seele musste es lernen, stille und friedlich zu sein, regsam und frei zu bleiben,
- auch ohne die Mitwirkung anderer ...
    Werner sprach auch über das Geheimnis, das ihm ihr letzter Brief vertraut
hatte. Es schien, dass die Gestalt
