 strahlte. Wie waren hier selbst jene Triebe, deren Wesen Begierde ist,
geedelt und hochgezogen, wie war sie doch so »berechnend« im sibyllinischen
Sinn! Glücklich ergab sie sich seinem und ihrem Begehren, - sah sie doch darin
ihre endliche Bestimmung. Aber über allen Leidenschaften, die ihrer
starkströmigen Natur fröhlich entsprangen, stand, wachsam, eine erhabene
Besonnenheit, die das Leben beschützt und mehrt. -
    Von diesem Schauspiel, das sich vor Olgas Augen abspielte, drohte ihr der
Fall. In tiefem Bangen sah sie sich vor ein Schicksal gestellt, das ihren Willen
überwuchs, und das Dogma dieses Willens, - den Pfeiler, an den sie sich,
lebendig rankend, immer gehalten, - zum Sturze brachte. Dieser Grundpfeiler
ihres Willens war der Antrieb - zu wachsen, bis an die letzten Grenzen des
Masses, das die Natur ihr zugebilligt. Darum durfte sie - so hatte sie in Zeiten
schwerster Not erkannt - nicht sinken durch dunkle Erlebnisse. »Sinke nicht -
und wenn der ganze Orkus auf dich drückte.« Dieses Wort der Amazone Pentesilea
war auch das ihre. Und - horch! - war hier nicht die wahre Prüfung der Frau, -
jener Frau, die der Zukunft gehörte, - war dies nicht die wahre Freiheit der
Frau - dass sie eine Ungebrochene bleiben musste, und eine Wachsende, so schwer
und dunkel auch ihr Weibesschicksal sich über ihr zusammenballte? Ach, wie war
sie dieser Freiheit doch so fern. In schmerzlichem Erleben glitten die Kräfte.
Aber sie eilte ihnen nach, raffte sie zusammen; brauchte sie denn nicht ihre
ganze Seelenmacht, da doch an jedem Wegende ein Schicksal von ihr besiegt sein
wollte?
    Sie rang mit sich, - diese beiden ihr teueren Menschen - beide lieben zu
können. Aber es schien, als wäre die Stunde, wo solches Lieben freien Herzens
möglich war, noch nicht gekommen. Der Ertrag ihres heldenmütigen Versuches aber
war, dass sie, wenn auch nicht die Vereinigung der beiden, so doch jeden
einzelnen weiter liebte, sie beide weiter sah, im Licht ihrer besonderen Art. -
- - »Liebe darf niemals unfrei machen«, so hatte einst Lore, die ja auch zu
jenen gehörte, die ihre Füße sicher setzen, gesagt. Sie lächelte schmerzlich,
wenn sie dieses Wort überdachte. Jene höchste Weiblichkeit, die ein Dichter der
Zeit auf den Mars verlegt hatte, jene Numenfrauen, - die vielleicht konnten dies
Wort zur Wahrheit führen. Sie aber fühlte sich als Übergangene, - dies war ihr
wiederkehrendes Los; auf totem Gleise fuhr ihr Leben dahin, und ihr war, als
müsse sie dieses Todesbewusstsein erdrücken.
    In dieser Zeit hatte sie eine dichterische Offenbarung. Da das gesprochene
Wort und nicht die
