: »Sagen könnte ich es vielleicht.«
    Er lachte, - ein herzliches, vollkommenes, von keinem verdeckten Geheimnis
verfärbtes Lachen. »Nun dann sagen Sie es, - und dann - dann können wir ja
stenographieren.«
    So gingen sie in die Heiterkeit ein. Aber im Ernst sagte sie dann wieder:
»Ich darf das heute noch nicht versprechen, - denn ich weiß nicht«, ihre Augen
bekamen plötzlich wieder jenen Schleier, der sich manchmal, wenn sie die Fährte
ihrer Gedanken suchend verfolgte, über sie senkte, - »ich weiß nicht, - ob ich
selbst in dieser Freiheit bin ... Erst - wenn ich das deutlich fühle, - dann
erst werde ich Worte finden dafür.«
    Also darum hatte er sie gerufen. Auch er glaubte, dass dies der wahre Grund
gewesen, warum er sie hier, eine Stunde vor der Begegnung mit den anderen, sehen
wollte. War es aber auch der einzige Grund? War es nicht vielleicht auch, weil
er sich freute, sie zu sehen, weil es ihn lockte, dieses Mädchen näher zu
kennen? Er wusste schon viel von ihr; mit seinem erkennenden Auge, seiner inneren
Erfahrung, die die Seele der Organismen ahnte, - verstand und ahnte er auch sie.
Er erkannte: sie ist durch Kampf geworden, - so wie sie ist. Gekämpft hat sie
auf allen Linien ihres Lebens. Und es war edle Art, die solche Kämpfe - so
bestand. Wäre sie ihm doch vor Jahren begegnet! Da hätte dem Kampf seine ganze
Seele gehört. Heute - heute hatte seine Seele ein anderes Ziel, heute, da die
Stürme hinter ihm lagen. Seit seine Scheidung von Lucinda ausgesprochen war,
seit er diese unerträglich zweideutige Atmosphäre aus seinem Leben gebannt
hatte, da war es wie eine letzte Griechensehnsucht in ihm, - nach der heiteren
Vollendung des harmonisch Geborenen. Dies hier, was er vor sich sah, - war
vielleicht ein Größeres. Auf einen anderen, - einen jüngeren vielleicht, - und
doch ihm ähnlichen - musste jenes Mädchen wie eine lebendige und feurige Lehre
wirken, eine große und seltsame Belehrung vom Werden dieser neuen, noch
geheimnisvollen Weiblichkeit, die da in die Zeit hineinwuchs ... Und plötzlich
dachte er an seinen Bruder Florian, - den jüngsten ... Er aber?... Es lag wohl
an ihm. Vielleicht konnte seine Sehnsucht überhaupt nicht mehr jung und
leidenschaftlich emporschlagen. So stark, so jung, wie sie es einzig musste,
sollte er sich die letzte Sehnsucht erfüllen dürfen, - seine Art zu bewahren, im
Schoße eines Weibes ...
    Zu schnell verflog diese Stunde. Er sprach mit ihr über die große Aufgabe,
die
