 Kleid eine Dame,
deren Ehrgeiz es ist, - Hetäre zu sein. Sie wird von der jüngeren Literatur
adoriert. Sie akzeptiert aber nur Liebhaber, die unter unmissverständlichem
Panier ihr nahen. Die Herren, die um sie herumliegen, sind augenblicklich ihre
Günstlinge. Es sind dies: ein Anarchist (jener Herr mit dem wirren Bart, der die
Hand, als Faust geballt, in der Hosentasche hält), ein Nazarener (der junge Mann
mit den dünnen, braunen Locken und dem verklärten Blick), ein Wanderdichter
(jener stattliche, stramme Bursche, der keine Einkünfte hat, weil er nichts tut,
als seine Gedichte abzufassen, und der daher als Logierbesuch bei seinen
verschiedenen Bekannten lebt, was ihm den Namen Wanderdichter eintrug), und
schließlich ist da noch ein vierter Freund jener göttlichen Aspasia -«
    »Und wer ist dieser Herr? Er gleicht nicht den anderen Freunden der Dame?«
    »Aber er ist ihre Voraussetzung: es ist ein wohlsituierter Weinhändler aus
dem Osten.«
    Ein einsamer, junger Mann vergnügte sich in einer Ecke damit, buntfarbige
Glaskugeln in die Luft zu werfen. »Dieser Mann hat eine interessante
Geschichte«, erzählte Justus. »Hören Sie: Er ist der Sohn eines vielfachen
Millionärs, und er ist an einem sonderbaren Leiden erkrankt. Es überkam ihn ein
Zustand völliger Wunschlosigkeit - es gab nichts mehr in der Welt, was diesem
jungen Mann noch wünschenswert schien. Darüber verfiel er in schwere
Melancholie. Zeitweise hat er die Vorstellung, als wäre er in einen luftleeren
Raum gebannt und muss dann eine Heilstätte aufsuchen; nach einigen Wochen wird er
dann immer wieder, auf seinen Wunsch, entlassen, da er ja nicht gemeingefährlich
ist. - Das Spiel mit gläsernen Kugeln, - diese Illusion des Farbigen und
Glänzenden, - - ist das einzige, was ihm blieb.«
    In diesem Augenblick rauschte eine hohe Frauengestalt durch den Saal, in
schwarzen, schleppenden Gewändern.
    Olga erschrak, das war, - das war ja die Baronin ...
    »Diese Dame ist zum Kabarett zurückgekehrt, - ihr Gatte, ein ältlicher
Aristokrat, wurde kürzlich im Duell erschossen. Seitdem tritt sie, wie früher,
als Diseuse im Kabarett die Unterwelt auf ...«
    Bei einem Kreise, in dem es laut und gesprächig zuging, saß, etwas abseits,
ein jüngerer Herr, der eine große Schale mit Nüssen vor sich hatte, die er
schweigend knackte und verzehrte. Ein großer Stoß von Nussschalen häufte sich vor
ihm auf einem Tisch.
    »Dieser Herr wird der tiefe Schweiger genannt. Er mischt sich fleißig in
Gesellschaft, gibt aber nirgends seine Meinung ab. Das hat ihm den Ruf großer
Weisheit eingetragen. Im übrigen geht von ihm die Märe,
