 nicht verbraucht ist ... Warum aber sollst du«, fuhr er lebhaft
fort, »an solchen Erfahrungen verlieren, anstatt zu gewinnen, einschrumpfen,
anstatt zu wachsen? Warum dich verbittern und verringern lassen?«
    
    »Weil sich nicht leugnen lässt, dass bei solchen Erfahrungen, sie mögen nun
erlaubt sein, im höheren Sinne, oder nicht, und sie mögen so logisch und
notwendig sein, wie sie wollen, - Verschiedenes angeflogen kommt, was beschmutzt
und erniedrigt.«
    »So? Du magst recht haben. Aber dann musst du dich erst recht rühren, musst
dich fleißig um deine eigene Achse drehen, darfst das, was dir angeflogen kam,
nicht auf dir fest und starr werden lassen. Du willst doch leben bleiben, oder
nicht?«
    Da rüttelte er schon wieder, sie fühlte, wie es ihr durch und durch ging.
    »Ja, ich will leben!« rief sie mit leidenschaftlicher Inbrunst.
    »Nun, wenn man überhaupt leben bleiben will, dann muss man sich auch rühren.
Sich benehmen wie eine Leiche und doch leben bleiben wollen, doch - wie soll ich
sagen, - weiter konsumieren, - das geht nicht an, das erscheint mir geradezu
inkorrekt.«
    Da lachte sie, und sie hörte dieses Lachen, und sie fühlte es auch. Sie
fühlte, wie diese Welle von Fröhlichkeit plötzlich aus ihrer Seele herausschoss,
wie ein starker Sprudel, Schlacken und Steine mitreissend und herausschleudernd.
    Er sprach weiter. »Wenn du in diesen Tagen so verstimmt warst, so war es -
weil dich der Mut verließ. Es gibt keinen andern Grund für uns Menschen,
zusammenzubrechen. Jede Art von Trauer, von Angst, ja selbst von physischer
Schwäche, die zum Zusammenbruch führt, ist Mutlosigkeit, Mutlosigkeit des
Körpers oder der Seele; und nicht an Todesangst leiden wir so sehr wie an dieser
bleichen Furcht vor dem Leben. Diese Angst aber ist der Todfeind des Menschen.
Da kenne ich ein tiefes Wort von Maxim Gorki: Sobald die Menschen sich fürchten,
verfaulen sie, wie die Birken im Sumpf. - Darum heißt es gerade im kritischen
Moment, gerade wenn es schief geht, - sich doppelt zusammenraffen und so
handeln, als ob wir sehr mutig wären. Die Menschen stürzen und verfaulen am
ersten, wenn sie sich nach einer Katastrophe verkriechen, sich seelisch
verlumpen.« Ernstaft sah er sie an: »Man muss sich erziehen, so zu handeln, -
als ob alles glatt gegangen wäre. Das ist eine Suggestion, die man dem Schicksal
gibt, - und das Schicksal ist suggestibler, als wir glauben.« Er ging auf und ab
und fuhr nachdenklich fort:
    »Du leidest jetzt? Das ist nur richtig
