 dass sie ihr Bekenntnis
vollende. Sie fuhr fort:
    »Ich habe oft darüber nachgedacht, was wohl das Wort des Evangeliums
bedeuten mag: So dir jemand einen Streich auf die linke Backe gibt, reiche ihm
auch die andere dar. Und ich weiß, dass dieses Wort nur der verstehen kann, der
das eine hat, was zu jeder Ergebung gehört: die Demut, - die mir fehlt.«
    »Du irrst,« fiel er ihr ins Wort, »auch der Sinn dieses Spruches ist logisch
erschliessbar, und selbst die Gnade der Demut kann über ein Herz kommen, das die
Dinge restlos vernünftig anschaut.«
    »Und wie willst du diesen Spruch mit Vernunft erschließen?«
    Er schob die geleerte Teetasse zurück und sah sie voll an.
    »Der logische Sinn ist so augenfällig, dass ich darüber staune, dass er es für
dich nicht ist. Die Mahnung kann natürlich nichts anderes bedeuten, - als: lass
es nicht als Übel gelten, was jener tut, - denn«, er suchte nach Ausdruck, -
»denn - der Augenblick tut das mit ihm, - sein unsterblich Teil ist nicht dabei.
Dieses Unsterbliche aber«, seine Stimme hob sich energisch, »dieses sollst du
schauen. Und zum Zeichen, dass du sein Ewiges nicht vergessen hast, - trotzdem er
selbst es verleugnet, - so hebe seine eigene Tat auf - und«, seine Stimme war
stark und streng geworden, »reiche ihm auch die andere Wange dar. Damit sprichst
du zum Schicksal: wie es ist, ist es gut.« Überzeugt sah er sie an.
    Einen Augenblick hatte Olga die Empfindung, als wäre sie bei dieser
seltsamen Zwiesprache mit dem Bruder von unsichtbaren Händen erfasst und
gerüttelt worden. Wie gelähmt war das lebendigste Organ ihrer Seele, - ihre
Vernunft, - in ihr gelegen, und in wuchernder Wildnis war das Zaubergeranke der
Triebwelt immer dichter darüber gewachsen. Der Bruder aber hatte sie gefasst und
hatte sie gerüttelt, - wie man einen Menschen rüttelt, der eben ertrinken wollte
und den man aus dem Wasser rettete ... Sie hatte zutiefst begriffen, was er ihr,
in knappen Andeutungen, gegeben. Sie verstand auf einmal, - dass Resignation und
Demut wohl Erscheinungen der Gnade sind, aber keiner überirdischen Gnade. Sie
verstand, dass es Begnadung der höchsten Vernunft war, zu sagen: wie es ist, ist
es gut ... Aus der neuen Bewegung, die endlich die Erstarrung in ihr gelöst
hatte, hob sich, mit junger Kraft, der Antrieb, der einzig das Leben erhält: das
Vertrauen zu dem eigenen Schicksal, die Überzeugung, dass es nach logischen
Gesetzen abgelebt wird, dass der Sinn der eigenen Bestimmung
