. Sie holte aus ihrer kleinen
Speisekammer Wurst, Brot und Butter und kochte Tee. Er bewunderte, wie immer,
ihr hübsches Junggesellinnenheim, wie er es nannte, und ließ ihr trauriges
Kopfschütteln unbeachtet.
    »Hast du Frau Lore, - ich meine Fräulein Wigolski,
    - nicht gesehen?«
    Sie gab zu, in den letzten Tagen nicht gearbeitet zu haben und auch sonst
mit Lore nicht zusammen
    gekommen zu sein.
    »An Lore hättest du dich aber halten müssen in dieser Zeit,« sagte er, »nur
an sie; sie wäre dir zur Seite gestanden.«
    Als sie sah, dass er so unvermittelt an ihr Erlebnis rührte, ging sie darauf
ein, es so mit ihm zu besprechen, als hätte sie sich ihm längst anvertraut.
    Er meinte, Werners Gefühlsumschwung überrasche ihn nicht; er sei einer, der
von Weib zu Weib müsse, und zwar nach ähnlichen Gesetzen, wie jene es waren, die
Hegel geformt: so, dass immer Tese und Antitese aufeinander folgten. Nur die
gegensätzlichsten Typen würden ihn anziehen, und so würde er zwischen den
Extremen seiner eigenen Begier hin und her schwanken. Aber warum sollte sie sich
von dieser wilden Beweglichkeit seiner Natur aus den Angeln heben lassen? Warum
die natürliche Schwerkraft ihres eigenen Wesens ins Unrecht setzen?
    Seine Ratschläge wiesen sie auf völlige Lösung. Neuen Büchern, neuen
Menschen, neuen Hoffnungen sollte sie sich eröffnen und, da der Verkehr mit
einfachen, starken und organisch weisen Naturen das Heilsamste in solchen
Kämpfen, wie in jeder Lebenslage sei, so hätte er gedacht, dass sie sich Loren
anvertrauen würde. Er wenigstens empfange im Verkehr mit solchen Menschen etwas
wie Ahnungen seiner eigenen Kraft und wie die Hoffnung eines endlichen Einklangs
aller Strömungen des Willens und des Intellektes. »Nur ein Mensch, der solche
Gefühle in uns löst,« sagte er mit Nachdruck, »ist unser echter Gesellschafter.
Werner aber hat das Gegenteil an dir getan,« fuhr er fort; »er hat von Anfang an
deine Kräfte nicht nur nicht gelöst, sondern im Gegenteil gehemmt, ins Stocken
gebracht, angezweifelt und damit paralysiert. Dieses Panikhafte des
Entwurzelten, das sein eigenes Geschick ist, hat er auch über dich gebracht.«
    Es schien ihr, als ob Stanislaus mit diesem Worte eine Schuld auf Werner
wälzen wollte, und unabweislich kam das Gefühl über sie, ihn vor dem Bruder zu
verteidigen, sich selbst zu beschuldigen. Und sie breitete die Ergebnisse der
zerfleischenden Selbstverwühlung ihrer letzten Tage vor ihm aus. Sie schilderte,
wie sie den Boden unter den Füßen verloren, und sprach von den Qualen ihrer Tage
und Nächte, aber nur, um ihre eigene Haltlosigkeit daran zu schildern; sie
erzählte von der schwarzen Angst, in
