 ist das. Zwei zum
Beispiel kämpfen zusammen für eine gemeinsame Sache, -«
    »Schulter an Schulter, wie es in der Frauenbewegung so schön heißt«, warf
der Professor sarkastisch ein.
    »und bleiben sich fremd.« Sie sprach das R mit slawischer Härte. »Und andere
wieder, die scheinbar gar nichts miteinander zu schaffen haben, sind vertraut
beim ersten Blick. Wer kann wissen, warum das so ist?«
    Edda seufzte.
    »Eva ist ein sonderbarer Mensch«, sagte der Professor.
    »In welchem Sinne?« fragte Stanislaus.
    »Es fehlt ihr,- soviel ich beobachtet habe, - etwas, - das an uns allen
deutlich ist.«
    Stanislaus horchte interessiert. »Und was ist das für ein gemeinsames
Merkmal?«
    Der Professor zögerte und krauste die Stirn. »Es ist der Riss, der Bruch, der
irgendwo im innersten Gefaser von jedem von uns drin ist«, sagte er, und sein
Gesicht hatte einen verbissenen Zug. »Zeig mir«, fuhr er, zu Stanislaus
gewendet, fort, »einen modernen Schicksalsträger, - mit normalen Instinkten, -
und mit vernünftigem Selbsterhaltungstrieb! Zeig mir, mit einem Wort, - von den
genialen Praktikern abgesehen, - einen modernen Gedankenheros, - der dabei kein
Narr ist, der sich nicht versteigt auf irgendeine Martinswand der Spekulation, -
von der ihn kein Gott herunterholt.« Er machte eine Pause, und drehte
nachdenklich ein Brotkrümelchen zwischen den Fingern. »Des Menschen Schicksal«,
fuhr er fort und bewegte dozierend die Hand, »ist sein Leib. Nun ist aber unsere
Intellektskultur sozusagen noch nicht leiblich genug geworden, - noch nicht
somatisch, wie wir Ärzte sagen, - unser Wille, aber noch nicht unser Organismus
ist intellektuell. Und darum machen wir zumeist Dummheiten, wo wir glauben,
besondere Taten zu vollbringen.«
    »Ist denn der Wille ein vom übrigen Organismus loslösbares Etwas«, fragte
Olga.
    »Das beweist die Hypnose«, sagte der Professor und nahm von der Hors
d'oeuvre-Platte, die ihm gereicht wurde. »Diese schöne, schlafwandlerische
Sicherheit des Trieb- und Instinktmenschen ist für uns verloren.« Er trank ein
Glas Rotwein durstig mit einem Zuge aus. »Gerade dein Vortrag, Stan, hat das
recht deutlich gezeigt. Die Zeiten aber, wo der intellektuelle Wille so geübt
ist, dass er den Menschen zu derselben fast automatischen Reaktion führt, wie das
der gesunde Instinkt, der Trieb, besorgt, - so dass auch der komplizierte Mensch
ein Ganzes und Deutliches wird, - die sind noch nicht da.« Er sprach jetzt, wie
er es täglich vor seinem Hörerauditorium gewohnt war. »In diesem Sinne
