 einer wieder gelesenen Zeile, und ihr Sinn verteilt sich in seinem Blut.
Nie war er der Antike so gewiss. Fast möchte er der Generationen lächeln, die sie
beweint haben wie ein verlorenes Schauspiel, in dem sie gerne aufgetreten wären.
Nun begreift er momentan die dynamische Bedeutung jener frühen Welteinheit, die
etwas wie ein neues, gleichzeitiges Aufnehmen aller menschlichen Arbeit war. Es
beirrt ihn nicht, dass jene konsequente Kultur mit ihren gewissermaßen
vollzähligen Versichtbarungen für viele spätere Blicke ein Ganzes zu bilden
schien und ein im Ganzen Vergangenes. Zwar ward dort wirklich des Lebens
himmlische Hälfte an die halbrunde Schale des Daseins gepasst, wie zwei volle
Hemisphären zu einer heilen, goldenen Kugel zusammengehen. Doch dies war kaum
geschehen, so empfanden die in ihr eingeschlossenen Geister diese restlose
Verwirklichung nur noch als Gleichnis; das massive Gestirn verlor an Gewicht und
stieg auf in den Raum, und in seiner goldenen Rundung spiegelte sich
zurückhaltend die Traurigkeit dessen, was noch nicht zu bewältigen war.
    Wie er dies denkt, der Einsame in seiner Nacht, denkt und einsieht, bemerkt
er einen Teller mit Früchten auf der Fensterbank. Unwillkürlich greift er einen
Apfel heraus und legt ihn vor sich auf den Tisch. Wie steht mein Leben herum um
diese Frucht, denkt er. Um alles Fertige steigt das Ungetane und steigert sich.
    Und da, über dem Ungetanen, ersteht ihm, fast zu schnell, die kleine, ins
Unendliche hinaus gespannte Gestalt, die (nach Galiens Zeugnis) alle meinten,
wenn sie sagten: die Dichterin. Denn wie hinter den Werken des Herakles Abbruch
und Umbau der Welt verlangend aufstand, so drängten sich, gelebt zu werden, aus
den Vorräten des Seins an die Taten ihres Herzens die Seligkeiten und
Verzweiflungen heran, mit denen die Zeiten auskommen müssen.
    Er kennt auf einmal dieses entschlossene Herz, das bereit war, die ganze
Liebe zu leisten bis ans Ende. Es wundert ihn nicht, dass man es verkannte; dass
man in dieser überaus künftigen Liebenden nur das Übermaß sah, nicht die neue
Masseinheit von Liebe und Herzleid. Dass man die Inschrift ihres Daseins auslegte
wie sie damals gerade glaubhaft war, dass man ihr endlich den Tod derjenigen
zuschrieb, die der Gott einzeln anreizt, aus sich hinauszulieben ohne
Erwiderung. Vielleicht waren selbst unter den von ihr gebildeten Freundinnen
solche, die es nicht begriffen: dass sie auf der Höhe ihres Handelns nicht um
einen klagte, der ihre Umarmung offen ließ, sondern um den nicht mehr Möglichen,
der ihrer Liebe gewachsen war.
    Hier steht der Sinnende auf und tritt an sein Fenster, sein hohes Zimmer ist
ihm zu nah, er möchte Sterne sehen, wenn es möglich ist. Er täuscht sich nicht
über sich selbst. Er weiß,
