 ihn
merken zu lassen, dass auch in meinem Herzen eine herrliche, große und von allen
Sünden reine Liebe aufgegangen war und dass ich mein Leben tausendmal hingegeben
hätte, um der schönen Indianerin dies beweisen zu können. Zuweilen kam mir
freilich der Gedanke, sie stehe mir zu hoch, aber in gewissen Stunden, in denen
ich mich selbst betrachtete, fasste ich doch eine Art von Mut. Da sagte ich mir,
dass ich doch kein so ganz übler Bursche sei und mich mit manchem, manchem andern
sehr wohl vergleichen und messen könne. Das waren die Augenblicke, in denen ich
mir vornahm, offen und ehrlich mit ihr zu reden. Aber sobald ich dann in ihre
Nähe kam, sank mir das Herz wieder vor die Füße, und es fiel mir kein einziges
Wort von alledem ein, was ich ihr hatte sagen wollen.
    Da kam ich eines schönen Tages von einer längeren Jagdstreife zurück und
erfuhr von Tom Muddy, dass der Siou Ogallallah bei dem Vater von Aschta um sie
geworben und die Erlaubnis erhalten habe, sie des Nachts zu rauben - - -«
    »Zu rauben?« wurde er von meiner Frau unterbrochen. »War das notwendig?«
    »Nicht nur notwendig, sondern auch schicklich. Ich habe mir sagen lassen,
dass alle diese Gebräuche einen tiefer liegenden Grund und ihre eigene Bedeutung
haben. Vater und Mutter haben ihr Kind, ihre Tochter erzogen, unter tausend
schlaflosen Nächten, unter noch mehr Sorgen und Opfern. Da kommt ein fremder
Mensch und nimmt sie von ihnen weg. Er raubt den Eltern den größten Teil des
Herzens ihres Kindes, und dieses folgt ihm gern, ohne zu fragen, ob er es auch
verdient. Diese innern Vorgänge sollen durch die indianischen
Verlobungsgebräuche äußerlich dargestellt werden. Die Tochter ist bereit, sich
rauben zu lassen; aber die Eltern geben sich alle Mühe, dies zu verhüten. Sie
wird eingesperrt, sehr wohl versteckt und scharf bewacht. Der Geliebte gibt sich
ebenso große Mühe, die Eltern zu überlisten, und hilft das nicht, so greift er
gar auch zur Gewalt. Es gibt da einen hochinteressanten Kampf zwischen dem
gegenseitigen Scharfsinn, und der ganze Stamm befindet sich in Spannung, die
einzelnen Phasen dieses Kampfes zu erfahren oder wohl gar daran teilzunehmen.
Man hilft der einen oder der andern Partei. Es kommt dabei zu Taten der
Schlauheit und des persönlichen Mutes, durch welche der Werbende zeigt, was der
Stamm dann später im öffentlichen Leben, in Krieg oder Frieden von ihm erwarten
darf.«
    »Als ich diese Neuigkeit von Tom Muddy erfuhr, war es mir, als ob ich von
ihm einen schweren Faustschlag gegen die Stirn bekommen hätte. Das Gehirn begann
mir zu brummen. Ich fühlte mich zunächst ganz
