 täglich des Abends
hier oben im Schloss zu erscheinen. Du übernimmst den Vorsitz, und ich lese
vor, was Winnetou geschrieben und allen roten, weißen und anderen Menschen
hinterlassen hat.«
    »Uff, uff! Vortrefflich, vortrefflich!« rief der »Bewahrer der großen
Medizin« aus.
    »In diesen Papieren ist sein Geist und ist seine Seele enthalten. Während
ich lese, tritt aus ihnen seine klare, reine, edle und wahrhaft große
Persönlichkeit hervor. Im Innern des Zuhörers bildet sich die seelische, also
die wirkliche, die wahrheitstreue Figur meines und deines Winnetou. Und wer
diese in sich fühlt, wer sie geistig gesehen und begriffen hat, der ist für das
Komitee und für Mr. Okih-tschin-tscha alias Antonius Paper verloren. Stimmst du
mir bei?«
    Er reichte mir die Hand und sprach:
    »Ich bin von ganzem Herzen einverstanden! Zwar kenne ich das, was unser
Winnetou geschrieben hat, nicht wörtlich, aber er hat mich oft einen Blick in
diese Gedanken tun lassen, und so vermute ich, dass der von dir vorgeschlagene
Weg wahrscheinlich ohne hässlichen Kampf zum Frieden führt. Also, ich bin
einverstanden.«
    »So nimm dein Bild, und erlaube mir, dir noch ein zweites zu zeigen.«
    Ich gab ihm das erstere und steckte einen großen Abzug von Marah Durimeh an
dessen Stelle. Kaum sah er diesen, so erhob er sich von seinem Sitze und rief
aus:
    »Wer ist das? Bin das ich? Ist das meine Schwester? Ist es meine Mutter?
Oder eine Ahne von mir?«
    »Es ist Marah Durimeh, von der ich dir noch viel erzählen werde.«
    »Du sagst Marah Durimeh. Ist das gleichbedeutend mit unserer Königstochter
Marimeh?«
    »Ja; doch davon später. Da wir einmal hier bei den Bildern sind, zeige ich
dir noch ein drittes.«
    Ich steckte neben Marah Durimeh einen Abzug von Abu Kital an die Wand. Es
war ein ganz eigentümlicher Eindruck, den dieses Porträt auf Tatellah-Satah
machte. Er sah es starr an, schloss hierauf die Augen, dachte nach und sagte
dann, ohne die Augen zu öffnen:
    »Den kenne ich! Den hat mir Winnetou beschrieben. Und dabei sagte er mir, er
habe diese Beschreibung von dir! Das kann nur der Gewaltmensch sein, dessen
bloßer Anblick schon dem Herzen wehe tut! Du hast ihn Abukal genannt.«
    »Richtig! Nur der Name ist falsch. Er heißt Abu Kital, nicht Abukal. Ich
habe mit Winnetou oft über ihn gesprochen.«
    »Ich kann ihn nicht ersehen, bitte dich aber doch, ihn später einmal genau
betrachten zu dürfen.«
    »Nimm ihn
