 bildete der
Wachtturm die einzige Ausnahme; aber sein Zweck wies doch auch nur nach unten,
nicht nach oben. Er war zur Beherrschung der Tiefe da, nicht aber als Fingerzeig
für ein geistiges Aufwärtsstreben.
    Diese Beobachtung tat mir wehe. Und dem Herzle auch; das sah ich ihr an. Sie
empfindet viel zarter, viel feiner als ich. Ihre Seele steht dem Leide des
Erden-und des Menschenlebens viel offener als die meine. Und hier lag das
ungeheure Leid einer ganzen, großen, fast untergegangenen Rasse in untrüglichen,
steinernen Beweisen vor unsern Augen! Selbst der Wachtturm hatte nicht
eigentlich Turmesgestalt, sondern er bildete ein niedriges, vierseitiges Prisma
mit vollständig ebener Dachfläche. Die Indianer haben keine Türme, keine
Minareh. Sie haben die Winke ihrer Riesenbäume nicht verstanden; sie haben keine
Dome gebaut. So sind sie auch geistig an der Erde geblieben. Sie sahen den Vogel
fliegen. Der Adler stand ihnen hoch. Ihr stolzester Schmuck bestand aus seinen
Federn. Aber es ihm nachzutun und sich über den Boden zu erheben, dieser Gedanke
bewegte sie nicht. Fliegen lernen! Fliegen lernen! Wer das nicht will, bleibt
unten, sei er Volk oder sei er Person. Die andern überholen ihn. Er aber kriecht
aus der Erde weiter und wird in ihr so ganz und gar verschwinden, dass von ihm
kaum ein Gedächtnis übrig bleibt. Das ist das Schicksal des Indianers, wenn er
nicht im letzten Augenblick noch fliegen lernt.
    Dieser Eindruck des Felsenschlosses wurde dadurch gemildert, dass es
wohlbevölkert war. Überall standen Leute, auf den Zinnen, auf den Dächern, an
den Luken, vor den Türen, auf den Gassen; Männer, Frauen und Kinder. Die Männer
genau wie Winnetou gekleidet, mit dem Sterne auf der Brust, auch die Frauen
außerordentlich sauber und intelligenten Auges, die Kinder ebenso. Nirgends die
indolenten Papusengesichter, denen man anderwärts begegnet. Und auch nirgends
auf den Gesichtern der Ausdruck der stummen Klage oder jenes nationalen
Trübsinnes, der auf jede Freude und auf alles Glück verzichtet zu haben scheint.
Ich sah nur intelligente Züge, nur heitere Mienen. Man freute sich. Man lachte.
Tatellah-Satah wurde mit tiefen Verneigungen und respektvollen Handbewegungen
begrüßt. Man widmete ihm die größte, die aufrichtigste Ehrfurcht, und - man
liebte ihn. Mit größter Wissbegier waren die Augen auf mich und das Herzle
gerichtet. Man wusste, wer es war, den der »Bewahrer der großen Medizin« in
eigener Person abgeholt hatte. Man nannte meinen Namen; man rief ihn mir jubelnd
zu; denn man wusste, dass nun die so lange hinausgeschobene Aktion beginnen werde.
    »Und das ist seine Squaw - - seine Squaw - - - seine Squaw!« hörte
