 nun weiter? Bleib im Traum!
Die Welt geht ihren starren Gang,
Und Zährenfluten lindern kaum,
Wo mädchenschwach ein Schätzchen
Mit seinem harten Schicksal rang.
Die Welt geht ihren starren Gang.
Wohin? Mein armer Kopf ist irr.
Mag sein, mir wäre minder bang,
So ich noch könnte beten.
Ich hab's verlernt, vom Heuduft wirr.
Wohin? Mein armer Kopf ist irr.
Denk wohl, ich bette mich aufs neu
Und schlaf' im duftgen Halmgewirr
Und von verblichnen Blumen
Träum ich zu Tode mich im Heu.
    All dies wechselvolle Seelenwetter beichtete offenherzig mein neuer Brief.
Zugleich erstattete ich ausführlichen Bericht über mein Geschick, wie es seit
meiner Trennung von Tekla verlaufen war. Indem ich schilderte, wie die
Begebenheiten meine innere Welt gewandelt hatten, gewann ich Klarheit über mein
Wesen, und ein gut Teil Beruhigung. Hatte Tekla diesen Erfolg herbeiführen
wollen? Zuzutrauen war das ihrem klugen Zartsinn. Jedenfalls hatte sie es
verstanden, auf Beschaulichkeit, forschende Wahrhaftigkeit mich hinzulenken, was
mir eine Wohltat war, insofern ich abgezogen wurde von selbstsüchtigen
Ansprüchen und Anklagen. Hatte das Eremitenleben der letzten Jahre keinen
anderen Dämpfer für meine Launen gehabt, als die einförmig harte Öde, die mich
umgab, und meinen Hang zum Meditieren, so ward ich anitzo von der geliebtesten
Menschenseele vor Aufgaben gestellt, die meine besseren Kräfte planvoll zur
Entfaltung brachten. Gleich der nächste Brief Teklas trug zur Ordnung meines
wirren Gemütes bei.
    »Armer Johannes« - schrieb sie - »Dein Gram teilt sich mir mit, bittere
Tränen vergoss ich, so oft ich Dein Gedicht las vom Schlaf im Heu und dem
versäumten Glück. Menschlich ist es ja, einem unfruchtbaren Grame zu
unterliegen, und wer solche Menschlichkeit in wahren Worten ausdrückt, ist ein
Tröster ihm selber und auch seinen Mitmenschen. In dieser Hinsicht erkenne ich
an, dass die Wunde, die das Schicksal vor etwelcher Zeit meinem Herzen
geschlagen, von Deinem Gedicht zwar aufs neue zum Bluten gebracht, zugleich aber
mit linderndem Heilbalsam versehen worden. Eine Beigabe dieses Balsams jedoch
macht mir brennenden Schmerz. Es ist die Art, wie Du Heinrich beurteilst, wie Du
die Rolle deutest, die er in meinem Leben spielt. Lass Dir doch nicht vorgaukeln,
dass er mich Dir entführt, und dass mein Auge leer von Glücke sei, als ob dieser
Mann mich in öder Gefangenschaft halte. Wie gut er ist, und wieviel echtes Glück
ich ihm verdanke, wirst Du dereinst noch erkennen, wenn ihr beide so weit sein
werdet, harmlos miteinander umzugehen. Einstweilen bedenke, teurer Johannes, was
Du selber in Deiner Predigt gesagt hast, dass nämlich zu unterscheiden sei
zwischen der wahren und der falschen Minne. Die falsche Minne stelle ich mir als
