 eins! so
rauscht der Baum des Lebens im Garten Eden, und solche Einheit ist die wahre
Minne. Alle Gattenminne soll sich dazu verklären; wer aber diese Verklärung
verschmäht, hat erst hineingelugt zur Himmelspforte. Wahre Minne bleibt
eingedenk, wie viel seliger geben denn nehmen. Will immer nur Liebes erweisen;
und an all ihrem Sonnenschein schmilzt das letzte Eis der Fremdheit, so dass zwo
Seelen zu Einem Menschen zusammengetraut sind. Drum heiße ich die wahre Minne
das Tor zum Himmelreiche.
    Wohlan, liebende Seele, bleib nicht unter dem Torbogen stehen, ganz geh
hinein! Fürchtest du aber, in all dem Lichte zu verlieren, was du insonderheit
liebst, so sei getrost: Innen findest du auf Schritt und Tritt alles wieder, was
du zuvor lieben gelernt hast, und die geliebte Seele schaut dir entgegen aus den
Augen aller Verklärten. Drum so gibt es im Himmelreiche kein eifersüchtig Minnen
mehr, nicht jenes Freien, vor dem Adam und Eva erröten mussten. O finde jene
Liebe, so nicht Genuss will, sondern Andacht! Ganz oben in lichter Höhe hauset
sie, auf dem Gipfel der Verklärung, und ist eine wunderschöne Jungfrau.
Erschauen lässt sie sich von manchem Menschenkinde, und am Strahle ihrer
Schönheit entzündet, spricht das Menschenkind: Du meine liebste Braut, gern
möcht ich kosten deine Süßigkeit. Doch die himmlische Jungfrau erwidert: So
deine Liebe mein ewig Gut erstrebt, sei sie willkommen. Bedenke aber, dass du dem
ewigen Gute nicht näher kommst, so du es in die Arme schleussest, wie Menschen
mit irdischer Habe tun, die sie für sich allein begehren und den andern
wegnehmen. Das ewige Gut ist jenes Wunderbrot, mit dem der Heiland die
Fünftausend speiste, ohne dass es weniger ward. Wann du aber noch nicht die Kraft
hast, aus aller Verblendung dich zu reißen, so wisse, dass deine Umarmung meine
Strahlenkrone raubt und trübe macht mein weißes Gewand. Ach, mancher
Erdenjüngling hat im Rausch der Sinne sein Ohr verschlossen solcher Mahnung und
hat sich selbst hinausgetrieben aus dem Garten Eden, dieweilen der verbotene
Apfel ihm die Enttäuschung beigebracht, so als ein Schatten sich heftet an
Habgier und Genusssucht. Da muss der Verstossene irren in Düsterkeit und Regen,
durch Dorn und Distel, Gefahr und Sorge, Schande und Reue. Doch wenn er
schließlich verzweifelt am Bergeshang gen Mitternacht liegt, wenn als ein Drache
schnaubt der Sturm und alle Bäume heulen, so geht dem armen Jüngling wohl ein
Traum wie erlösende Morgensonne auf. Und siehe, diese Morgensonne ist seine
Jungfrau, sie bestrahlt ein fernes Tal, dass es engelgleich lächelt. - Ist das
nicht Eden? frägt mit frohem Staunen der Jüngling. Und die Antwort lautet: Das
ist die liebe Erde, nur
