. Da musste man doch denken, dass Sie an die Möglichkeit einer allmählichen
Assimilation glauben.«
    Heinrich zuckte verächtlich die Mundwinkel. »Assimilation ... Ein Wort ...
Ja, sie wird wohl kommen, irgendeinmal ... In sehr, sehr langer Zeit. Sie wird
ja nicht so kommen, wie manche sie wünschen nicht so, wie manche sie fürchten
... es wird auch nicht gerade Assimilation sein ... aber vielleicht etwas, das
sozusagen im Herzen dieses Wortes schlägt. Wissen Sie, was sich wahrscheinlich
am Ende herausstellen wird? Dass wir, wir Juden, mein ich, gewissermaßen ein
Menschheitsferment gewesen sind ja, das wird vielleicht herauskommen in tausend
bis zweitausend Jahren. Auch ein Trost, denken Sie sich!« Er lachte wieder.
    »Wer weiß«, sagte Georg nachsichtig, »ob Sie nicht recht behalten werden in
tausend Jahren. Aber bis dahin?«
    »Ja, früher, lieber Georg, wird es wohl mit der Lösung der Frage nichts
werden. Für unsere Zeit gibt es keine Lösung, das steht einmal fest. Keine
allgemeine wenigstens. Eher gibt es hunderttausend verschiedene Lösungen. Weil
es eben eine Angelegenheit ist, die bis auf weiteres jeder mit sich selbst
abmachen muss, wie er kann. Jeder muss selber dazusehen, wie er herausfindet aus
seinem Ärger, oder aus seiner Verzweiflung, oder aus seinem Ekel, irgendwohin,
wo er wieder frei aufatmen kann. Vielleicht gibt es wirklich Leute, die dazu bis
nach Jerusalem spazieren müssen ... Ich fürchte nur, dass manche, an diesem
vermeintlichen Ziel angelangt, sich erst recht verirrt vorkommen würden. Ich
glaube überhaupt nicht, dass solche Wanderungen ins Freie sich gemeinsam
unternehmen lassen ... denn die Straßen dorthin laufen ja nicht im Lande
draußen, sondern in uns selbst. Es kommt nur für jeden darauf an, seinen inneren
Weg zu finden. Dazu ist es natürlich notwendig, möglichst klar in sich zu sehen,
in seine verborgensten Winkel hineinzuleuchten! Den Mut seiner eigenen Natur zu
haben. Sich nicht beirren lassen. Ja, das müsste das tägliche Gebet jedes
anständigen Menschen sein: Unbeirrteit!«
    Georg dachte: Wo ist er nun schon wieder? Er ist in seiner Art genau so
krank, wie sein Vater es war. dabei kann man doch nicht sagen, dass er persönlich
schlimme Erfahrungen gemacht hat. Und er hat einmal behauptet, dass er sich mit
niemandem zusammengehörig fühle! Es ist ja nicht wahr. Mit allen Juden fühlt er
sich zusammengehörig, und mit dem letzten von ihnen noch immer enger als mit
mir. Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, fiel sein Blick auf ein
großes Kuvert, das auf dem Tisch lag,
