 denn sie ist die Bedingung des Erscheinens, und das
Erscheinen soll schön sein. Es handelt sich aber um das höchste geistige
Verständnis und um die schönste und gewandteste und geeignetste Erscheinung des
Geistigen. Es kommt dem sogenannten feinen Menschen nicht im geringsten darauf
an, die geistigen Interessen einer Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen, wenn er
das nur mit einem zierlichen Komplimente tut - man spreche das Wichtigste,
erzähle, lese das Interessanteste: ein gesellschaftliches Unding, das sich eben
ereignet, bricht es ab, stört, und kein Mensch mit feinen Manieren fragt,
welcher Gedanke, welche Folgerung unterbrochen worden sei - darum weil diese
Manieren ihnen nur der Form, nicht der Gedanken halber da sind; der Gedanke
erzeugt bei ihnen nicht die Form, sondern die Form den Gedanken. Darum ist ihr
Gipfel die Förmlichkeit, und nur die Auserwählten werden das, was die Römer
formosi nannten, äußerlich schön, mehr aber nicht. Jedermann aber weiß, dass Roms
größte Männer nicht die formosi gewesen sind.
    Das ist z.B. gute seine Manier, um Ihnen durch ein Beispiel anzudeuten, was
ich darunter verstehe, dem andern durch alle Schlangenwindungen des
Gedankenprozesses zu folgen, wo er strauchelt, ihm die Hand zu reichen, wo er
eilt und fliegt, nachzueilen, nachzufliegen, und wenn's wirklich geflogen ist
und man artig sein will, dies bemerken - alle geistigen oder sonstigen
Interessen des anderen zu den eigenen machen und mit Teilnahme verfolgen, der
geistigen oder moralischen Atmosphäre, die um ihn ist, ungeteilte Aufmerksamkeit
schenken - da kann manches Äußere, eine herabgefallene Nadel, ein Zwirnknäuel
übersehen werden; wenn man dem Besten des Menschen sich anschmiegt, so hat man
die besten Manieren, alles andere ist angenehme Zugabe.« »Wird es aber zur
Hauptsache gemacht -« setzte Hippolyt fort, - »so wird es Leerheit,
Abgeschmackteit, Unkultur, und die feinen Personen, die sich immer und nur
darin wohlbefinden können, dürfen nicht zu unseren gebildeten Ständen gezählt
werden, weil sie von Bildung nichts wissen und an hohlen Spielereien, an
Firlefanz und Puppenkram genug haben. Und meinen Sie denn, dass jene feinen
Manieren ein Prärogativ des Adels seien? Wir haben solcher bürgerlichen Affen
genug. Es ist eine lächerliche Schwäche von uns, dass wir den arroganten Titel
Adel noch immer gestatten, dass wir ihn selbst in unserer Polemik noch immer
gebrauchen; man nenne es Junkerei oder ähnlich.«
    Man war still, wir hatten zu heftig gesprochen; ich fürchte, unsere hiesige
Gesellschaft ist der Auflösung nahe.
    Ich sehe durch meine Glastür Kamilla einsam wandeln - leb' wohl für heute,
ich will ernstlich zu erfahren versuchen, welcher Kummer das liebe Mädchen
drückt, ich habe sie sehr gern.
