 Grafen um den Hals - wir saßen bei Tisch, als Dein Brief ankam - küsste
seine Tochter zwei-, dreimal, küsste Kamilla fünf-, sechsmal, riss das Fenster auf
und schrie in den Himmel: »Jetzt, blauer Bogen, behalte Deine Sonne, auf der
Erde ist die Freiheit eingekehrt,« und den kleinen Leopold hob ich hoch in die
Höhe und drückte ihn dann an meine Brust, und zerquetschte ihm fast den kleinen
Schädel und rief: »Nun Junge, sing' mir Freiheitslieder« - ach ich war ein Kind,
es war die glücklichste Stunde meines Lebens. Und Dir, Konstantin, vergeb ich
alle dummen Streiche und schlimmen Dinge für Deine Schmarre auf der Wange, und
glücklich bist Du ja nun auch geworden, es mag kommen was da wolle, Du hast ja
bluten, das Leben wagen dürfen für unsern Glauben.
    Lass mich schweigen, lass mich schweigen, Freund, ich werde kindisch. Ich
werde Dir von unserem kleinen Ameisentreiben hier erzählen, um mich zu sammeln.
Wenn's nur gehen wird. Ich bin ganz aus dem Gleise und möchte hinaus in die
Welt, um zu helfen am neuen Bau der großen Weltkirche. Die Verhältnisse begannen
eben in ihrer Unordnung sich ein wenig zu ordnen, als - ach, ich kann jetzt
nicht, die Völker tanzen Arm in Arm auf dem Papier herum, statt der Liebespaare,
die es sollen. Morgen, morgen - morgen ist ja auch Freiheit, ich muss mich erst
an das Glück, das wie ein Gewitter gekommen ist, gewöhnen. Morgen, übermorgen
von unseren kleinen Liebesgeschichten; ich will Parodien von jener begonnenen
großen daraus machen, dann wird's am ersten gehen. O Gott, ist denn diese
rosenfarbene Welt dieselbe, die noch gestern aschgrau war, soweit ich die Blicke
sandte, und Du kleiner Vogel, der sich auf mein Fenster setzt, kommst Du aus dem
schönen Frankreich, flogst Du vielleicht über Paris in den letzten Julitagen,
hast Du jenes bunte Stück der neuen Welt schon gesehen? Vöglein, willst Du
Zucker, bleib' ruhig, ich taste Deine Freiheit nicht an, solch ein Frevler bin
ich nicht - nicht wahr, die Freiheit ist das Höchste, da fliegt er fort und
lacht mich aus. Bravo, mein Vöglein. Wärst Du doch ein Kutscher, Vogel! -
Konstantin, Du siehst, ich werde kindisch, ich muss aufhören. In den Fluss will
ich mich werfen, meine Glut zu kühlen, mit den Wellen zu ringen. Mein Körper
zuckt nach Tätigkeit, ich muss ihn ermüden, sonst bringt er mich um. -
                                                                  Den 8. August.
Nichts davon heute. Wie meine heiligste Liebe will ich es einschliessen in mein
