 Figur. Diese genialen Kerls, die bloß
deshalb unglücklich sind, weil ihnen eine beträchtliche Dosis Menschenverstand
fehlt und weil sie auf der Welt nicht wie auf dem Dudelsacke spielen können,
sind mir im höchsten Grade zuwider. - Ich gebe mir alle ersinnliche Mühe, um
glücklich zu sein, wenn ich früh mit der Morgensonne die tote Stadt betrachte
und den lustigen Rauch aus den Schornsteinen steigen sehe, da will mich oft eine
Träne beschleichen und eine wimmernde Elegie zerbröckelt sich auf der Zunge,
aber ich jage das dumme Zeug fort und nehme meinen alten Moniteur von 1793 zur
Hand und lese ihn mit starker Stimme in die Morgenluft hinaus. Da kommt mir bald
der Zorn gegen die jämmerliche Welt, die ihren Geburtstag vergessen hat, und
wenn der Zorn erst kommt, da ist alles gut. Nach der Liebe ist er die edelste
Leidenschaft. Ich gehe oft einen ganzen Tag lang zürnend auf meiner kleinen
Stube hin und her; denn der einzige Rest meiner Zivilisation, der mir geblieben,
mein Mantel von Marengo, der mich Tag und Nacht schützt, erlaubt mir nicht, am
Tage auszugehen. - Die Zukunft kümmert mich nicht; wären wir nicht alle
zukunftskrank, so würden wir eine stärkere Gegenwart haben. Mache Dir alles
Angenehme recht anschaulich und betrachte das Unangenehme als ein notwendiges
Übel - hätte ich nicht für mich selbst diese Registratur der notwendigen Übel
errichtet, beschäftigte ich mich nicht mit allem Unangenehmen, bis es mir
wenigstens interessant und für eine Novelle brauchbar erscheint, ich würde
wahrlich nicht so guten Mutes sein. Ich lache doch alle Wochen wenigstens
einmal. Auch les' ich jetzt fleißig in der Bibel; ich will doch mit Vernunft
über den Unsinn räsonieren, nach achtzehnhundert Jahren noch immer ungestört von
einem Buch sich gängeln zu lassen, das unwissende Schüler einem großen Meister
nachlallten. Die »Menschenrechte« daneben geben die Glossen dazu.
    Die weibliche Nachbarschaft mit ihren Gewissensfragen in Grünschloss
amüsieret mich sehr. Die Weiber sind noch heute wie die Helden in den alten
Novellen, die sich beim ersten Begegnen ihre Lebensgeschichten abfragen. Macht
Ihr noch keine Sonette? Diese Dichtungsart ist ja wie für Eure Lage erfunden.
Man muss beim Sonett nur immer die Form in größter Vollkommenheit voraussetzen
und so wie die Färbung beim Gemälde, der Stein bei der Bildsäule Bestandteile
der Schönheit sein können, wenn auch der Gedanke die Hauptsache bleibt, so ist's
auch beim Sonett. Das äußerlich Glänzende verteidigt niemand weniger als ich,
aber beim Sonett darf's nicht bloß dieses sein: den äußeren Glanz muss eben die
innere Harmonie geben. William sagt gut: »Es ist eine Säulenordnung, wo jede
Säule zur andern und alle zum Ganzen in schöner Beziehung, klarem Verhältnis
stehen müssen.« Man mache hie und
