
Fahre wohl!
    Ich bin wirklich von Grünschloss nächtlicherweile ins Gebirg gewandelt und
habe als Kohlenbrenner die Berge durchstrichen aufwärts und abwärts. Hier in
einem abgelegenen Tale saß ich eines Morgens und labte mich an dem harten,
schwarzen Brote, das in meinem Schnappsacke zu finden war; die Sonne schien, die
Vögel sangen, mein Leib war gesundet und gekräftigt, mit ihm mein Geist, ich
dachte damals: Ei nun, du bist ja nicht allein klug in der Welt, sie wird's so
gut machen und besser als du, lass sie gewähren, glaube ihr, betrachte, sinne,
dichte von neuem, aber im kleinen. Mit der großen Welt bist du gescheitert,
versuch's mit dem verjüngten Maßstabe; harke die Erde, pflanze Kohl, wirke auf
den Nachbar, suche das Nächste, wage dich nur langsam und äußerst vorsichtig mit
dem Schluße, mit der Forderung ins Allgemeine.
    Da trat ein Bauer zu mir, der aus dem Holze kam, und grüßte mich; er fragte,
ob ich feirig sei, und warb meine Fäuste und meine Tageszeit. Und zwar für
seinen Garten, für seine Baumschule, wenn ich dergleichen verstünde, »denn Ihr
seht mir«, meinte er, »nicht so recht aus wie Feldarbeit.« Ich verstand's, und
es schickte sich gut: es gedieh die Frucht, und des Abends schwatzte der Bauer
mit mir und ließ sich erzählen und Ratschläge geben - es erquickte mich, die
Macht des Geistes zu sehen, des unbefangenen Geistes, wie er sich abgesetzt hat
in mir durch soviel Erfahrung und Gedanken. Es war mir Freude und Genugtuung,
einen Erfolg solches unparteiischen, lass mich sagen naiven Geistes auf den
Bauersmann zu sehen, ich sprach nicht in Kategorien, nicht im Jargon unserer
Kultur, und es trat ein wirklich bildendes Verhältnis zwischen uns ein - was
erkannte ich? Ach! Nach bestimmten Zielen rennt man, verfehlt sie und lässt die
Arme sinken; man glaubt, umsonst gestrebt und gewagt zu haben, aber der Anfall
macht uns aufmerksam, dass wir zu einem ganz anderen Besitze gekommen sind:
zwischen den Fugen, in denen wir uns bewegt, zwischen den Fingern, mit denen wir
gerafft und nichts errafft haben, sind feine Sommerfäden hangen geblieben,
Fäden, welche eine Verkündigung stillen glücklichen Sommers sind. Die Welt
besiegt man nicht, aber einzelne Leitgedanken, einzelne Weisheit derselben
siedeln sich unserer Seele an, und statt der Herrschaft über das Ganze, nach
welcher wir ausgezogen sind in Kampf und Streit, finden wir eine Herrschaft über
uns selbst, einen Aplomb unserer selbst, eine Entsagung, aus welcher heraus eine
Macht und Herrschaft unserem Geiste wächst, größer und dichter, denn alle
äußerliche.
    Der Bauersmann
