 ein Moment blieb mir Freiheit, Margaritens
schönes, aber tödlich drohendes Antlitz zu sehen, im nächsten Augenblicke hatte
ich mit aller Anstrengung um mein Leben zu kämpfen. Sie hatte behend wie eine
Schlange den leichten Schal ihres Halses um meinen Nacken geschürzt, sie
schnürte ihn mit aller Kraft zusammen, um mich zu erdrosseln - es war ein Ringen
um Leben und Tod mit einem starken, wütenden Mädchen.
    Als ich sie mühsam überwältigt und nach Luft geschöpft hatte, lag sie
zitternd am Boden, zitternd von der gewaltsamen Anstrengung und vor Wut - »Du
hast mich zur Bajadere gemacht,« sagte sie halb erstickter Stimme, »mache mich
auch zur Leiche, oder ich werde dich verfolgen, bis ich dich erwürgt habe.«
    Ich eilte von dannen. Dies schreib' ich auf einem amerikanischen Schiffe,
das auf Wind harrt, um die Anker, zu lichten. Am Strande, von wo ich ins Boot
sprang, sah ich von neuem Margarita, sie war es sicherlich, obwohl ein dichter
Mantel und Schleier sie verhüllten, wer könnte sonst die Worte sprechen, die ich
deutlich bis auf die kleinste Silbe vernahm:
    »Wo du auch hingehst, meine Rache wird neben dir sein.«
    Versuch's, rachlustig Mädchen, durch den Ozean zu schwimmen. Leb' wohl,
sanfter Deutscher!
 
                           13. Valerius an Hippolyt.
Unsere Naturen schieden sich für immer: Du gibst auf eine grob sinnliche Weise
so ganz und gar jedem Gelüste fraglos nach, dass Dir am Ende gar kein Unterschied
mehr übrig bleibt von dem bloß Animalischen. Wenn die Bildung nicht eine
gemeinschaftliche Natur wird mit dem, was Sinn und Körper heischt und was der
einschränkende und ordnende Geist zulässt oder gebietet, wenn sich nicht eine Ehe
geordneter Art zwischen Leib und Seele bewerkstelligen lässt, dann hinaus mit dem
Menschen unter die Tiere des Waldes oder der Wüste, er überhebt sich ihrer in
keiner andern Weise, als dass seine Sinne vielleicht noch raffinieren.
    Möge hie und da ein einzelner Mensch Deiner Gattung übrig bleiben, wie man
für Wissenschaft und Kunst eine Urpflanze, ein Urgeschöpf aufbewahrt, um stets
ein echtes Bild vor sich zu haben, wonach die Ausbildung geregelt werde; möge
einem Geiste wie dem meinigen noch oft eine Erquickung, ein Spekulationswecker
aufstehen in einem Menschen wie Du, in einem teilnahmsvollen Verhältnisse, wie
zwischen uns - aber die zivilisierte Welt muss Dich vernichten, wie ganze
Gegenden ausziehen, um einen Wolf zu erlegen. Fahre wohl! Ich werde Deiner
gedenken, und zwar mit einer Liebe, wie ich sie vielleicht allein auf der Welt
für Dich haben kann, weil ich allein Deine innerlichste Menschenbedeutung
erkenne.
    Wundere Dich nicht, beklage Dich nicht! Wer keine Beschränkung duldet, der
duldet auch keine Liebe
