
verging vor Angst, den leidenden Henry nicht sehen, nicht pflegen zu können.
    Ich verließ sein Zimmer nicht, einem Machtlosen will ich nichts streitig
machen, ich sah Miss Mary mit keinem Auge; wir sprachen viel, sehr viel,
besonders über die Schwäche der Menschen.
    Als er soweit wiederhergestellt war, um im Zimmer umherzugehen, ging ich zum
ersten Male von ihm, um in freier, rascher Bewegung Luft zu schöpfen, ich ließ
ein Pferd satteln und jagte umher bis tief in den Abend hinein.
    Das hatte die wildeste Eifersucht von neuem in ihm erweckt: sein Gedanke
war, ich könnte bei Miss Mary sein, er ergreift eine Waffe und eilt nach den
Zimmern der Meerseite, wo die Mädchen wohnen, er dringt unbemerkt bis an ihre
Gemächer, er hört Anna und Mary sprechen; sie sind allein; beruhigt schleicht er
zurück in den Saal, da hört er vom andern Eingange desselben die Lady kommen. Um
keinen Preis der Welt will er gesehen sein; die Tür nach den Zimmern der Mädchen
hin ist noch offen, der Verdacht, die Indiskretion, dieser ganze Sittenbruch,
ein Engländer empfindet ihn wie eine Todsünde. Aber es ist kein Ausweg übrig als
durch die große Fenstertür nach dem Meere, sie ist einige Ellen hoch von
bergendem Holze, hinter welchem man sich niederkauern kann auf der schmalen
Steinplatte, die draußen über dem Meere hängt; die Nacht ist dunkel. Er ergreift
hastig diesen Ausweg und zieht die Türe leise an sich, ohne sie ins Schloss zu
werfen, denn wenn dies letztere geschieht, so ist er ausgesperrt, sie ist nur
vom Saale aus zu öffnen.
    In dem peinlichen Momente, wo die Lady mit einem leuchtenden Diener den Saal
entlang kommt, bemerkt er kaum die entsetzliche Situation, auf schmalem Raume,
ohne Anhalt dicht über dem tiefen Abgrunde zu sein.
    Die Lady kommt bis an die Tür, schilt den Diener, dass man das oft Gebotene
nicht beachte, hat die Tür nicht geschlossen sei, und drückt sie fest ins Schloss
- der Rückweg ist ihm abgeschnitten. Die Lady geht in das Nebenzimmer, von neuem
scheltend, dass auch dorthin die Tür offen sei; der Diener beteuert, es sei
niemand dagewesen.
    Das Nebenzimmer ist der Lady Schlafgemach, die Kammerfrau kommt, um die
Herrin zu entkleiden, also auch die Hoffnung schwindet, ein Fenster der Tür
einzubrechen und dadurch den Rückzug zu gewinnen: das Geräusch würde die Lady
wecken; mit Entsetzen wird er inne, dass auch die Kammerfrau in der Nähe schläft.
Die Lady dürfte im äußersten Falle das Missliche erfahren, niemals aber eine
Dienerin.
    Es wird still im Schloss, die Lichter verlöschen, aber dem reichen, stolzen
Lord ergeht es hart: Wind und Regen
