
 
                            9. Hippolyt an Valerius.
                                                                     Aus London.
Ich habe Paris verlassen, weil es mich langweilte: fürs gewöhnliche Leben ist
fast alles erlaubt, es reizt kein Widerstand, und doch lockt auch keine
ungewöhnliche Kraft, wo sie sich aber erhebt, wird sie Fratze. Es reizt auch
kein Widerstand bei den Weibern, sie sind munter und gefällig ohne Nachdenken,
und bleiben auch in der Liebe kokett. Die deutschen Weiber haben mich verwöhnt.
Es ist hier alles Kaprice, eigentlich auch die Politik, das Volk ist viel zu
gesellig und zu gefallsüchtig, um eine dauernde Tüchtigkeit in sich und in einer
Form zu erzeugen. Man muss nach Paris nur auf Besuch gehen, dann ist es amüsant,
in der Länge sieht all der Wechsel, die Strebsamkeit wie Tändelei aus. Die Leute
mag's wundern, Dich nicht, der Du mich wirklich kennst, dass ich so abfällig über
Frankreich rede; jawohl, das meiste von unsern Wünschen ist hier leicht gemacht
oder gar verwirklicht, aber das Element, aus welchem hier alles entsteht, in
welchem es herumspielt, kann mir nicht zusagen. Man muss nicht in die Küche gehen
und die Späße der Köche anhören und ansehen, wenn einem das Essen schmecken
soll. Meine Wünsche, meine Pläne, meine Ansichten von Staat und Leben, sie
quellen aus tiefer, starker Leidenschaft - 's mag wohl sein, dass ich die Welt
darüber missbrauche und am End' zugrunde geh' - aber die französischen quellen
aus der Leidenschaftlichkeit, das ist nicht mein Geschmack.
    Ich bin zu den Republikanern gegangen, da fand ich allerdings Hass und Zorn
und stolze Wut gegen die Unlauterkeit der Herrschenden, welchen die Stelle, das
Amt, die Auszeichnung käuflich und feil ist für dies oder jenes Bessere, für
eine Überzeugung, für ein würdiges Verhältnis, das sie spielend in den Kauf
geben. Aber der Hass war auch sehr mit Deklamation verbrämt, war unschöpferisch,
und das eigentliche Leben der Leute war in kleinerem Verhältnisse entweder
ebenso wie das getadelte, oder es war gegen allen Reichtum der Welt zynisch -
nichts fesselte mich.
    Ich mag oberflächlich geblieben sein, weil meine Liebhabereien und Aventüren
wie gewöhnlich meine Zeit in Beschlag nahmen; dies mag ein Grund sein, dass ich
immerwährend eine deutsche Anekdote auf der Zunge behielt, die mir allen
Geschmack verleidete: Ein deutscher Professor zerkaut in einer politischen
Unterhaltung die Zeitung, welche er in der Hand hält; man will endlich etwas
nachsehen, und der Gegner sagt entrüstet: »Herr, Sie haben ja die Zeitung
gefressen.« - »Drum,« erwidert dieser, »drum schmeckte mir's so nach Papier.«
    Es schmeckt hier alles nach dem Journalpapier. Die Kammern haben sich
überlebt, es
