 habe ich eingesehen, dass ich von da an, wo
der große Lebenswechsel in mir eintrat, wo ich mein Herz auf Kosten der Bildung
erwürgte, gar nicht mehr lieben konnte. Wir stellten uns so, weil es für solches
Verhältnis in der Form ist, zärtlich zu sein, und weil die Sinne da noch zu
Hilfe kommen; glücklicherweise wussten wir nichts von dieser Verstellung, das war
unser einziges Glück, das uns je geblüht hat. Wir haben Kinder gezeugt und ein
Haus gemacht und gelten für ein musterhaftes Paar - gegen die Welt haben wir in
alle Wege recht, und dies ist das Opfer und der einzige Trost, an dem ich wie an
einer Drahtschnur weitergehe; gegen uns selbst haben wir unrecht, und die Welt
mit ihrer schwer zu fügenden Ordnung trägt die Schuld. Sie sehen, ich bin so
sehr ein Opfer, wie Sie, ich habe mir ein größeres, ebenso trauriges Gefängnis
bereitet, aber mit mir gedeiht der Staat, mit Ihnen verdirbt er. Könnte man mir
diesen Glauben nehmen, so gäbe man mir den Tod. Das Gefängnis, groß und klein,
ist für die Menschenerfindung, den Staat notwendig.
    Das Nächste, was mir zu entgegnen, wäre vielleicht dies: Sie haben Ihren
Wechsel in Staatsansichten gewaltsam übereilt, Sie haben mit einem Male den
geistigen Blutumlauf Ihres Herzens gewendet und dadurch den Keim des Todes in
Ihr Herz gelegt. Wohl, es interessiert mich in meiner Blasierteit einen
Augenblick zu wissen, ob es bloß die Manier gewesen ist, die mich gestört hat;
ich habe zu dem Ende Ihre Verhaftung bewirkt, und diese in die strengsten
Grenzen eingedrängt, jetzt will ich sehen, was aus Ihren Meinungen geworden ist.
In unserm damaligen Umgange lag der Fruchtknoten meines Lebens, der jetzt
verdorrt ist; den kleinen Reiz, dessen ich noch fähig bin, gewährt mir von
meinem ganzen Leben nur das Verhältnis zu jener Zeit. Sagen Sie mir, auf was für
einem Standpunkte der Meinung sind Sie jetzt?«
    Gott weiß, was ich ihm in meiner Entrüstung gesagt habe. Am ärgsten
betroffen schien er von meiner Versicherung zu sein, dass ich kein eigentlicher
Revolutionär mehr gewesen sei, als ich das Gefängnis betreten, dass ich niemals
in eine Verzweiflung meiner Ansichten geraten, dass ich auch jetzt darin besonnen
und ruhig sei. Ich habe ihn lange und habe ihn totenbleich gesprochen; als wir
schieden, war es dunkel. Von dem wenigen, was er erwiderte, erinnere ich mich
nur der öfters wiederkehrenden Worte: »Befreien kann ich Dich jetzt selbst nicht
mehr, es ist ein eingeleitet Verfahren.«
    Ermiss, welchen Sturm ich danach mehrere Tage lang in meinem engen Käfig
durchgelebt habe. Wohin gerät der Mensch, wenn er das Heil
