. Freilich hab' ich sie schon gelesen, aber es sind doch Bücher,
ich werde doch überall wieder Mensch; hinter der Wand eine halbe Gesellschaft,
auf dem Tische ein gedrucktes Buch! Welcher Fortschritt! Schlegels Philosophie
der Geschichte ist dabei, ein Buch, welches zur Demütigung der Menschen
geschrieben ist - wozu hätte mir Gott den Stolz und die kühne Kraft gegeben und
damit soviel des Besten verwoben, wenn ich sie nur vernichten sollte? Ich
fühl's, einen größeren Gott zu haben, dem mein Bewusstsein irgendwelcher
Tüchtigkeit wohlgefällig ist. Auch in meiner Verlassenheit überhebe ich mich
dieser kläglichen Ansicht des entmutigten Schlegel. Aber ich finde in dem Buche
Beschreibungen der indischen Einsiedler und Heiligen, welche mir von großer
Beschäftigung sind, weil sie auch mit der äußersten Einsamkeit zusammenfallen.
Was kann der Mensch, den ein fanatischer Glaube, treibt! Ich erschrecke davor;
wie klein sind wir, denen die skeptische Kultur jeden solchen unerschütterliches
Anhalt genommen; ein guter Fanatiker erobert ein Stück Gottheit und ein Stück
Tier zugleich. Diese Leute stellen sich auf die Einsamkeit eines hohen
Postamentes, mitten in die verzehrende indische Sonne hinein, strecken den Arm
in die Höhe, bis er erstarrt, verwächst in dieser Richtung, sehen in die
blendenden Sonnenstrahlen unverwandt, bis die Augen erblinden, und denken nur
den Gottesgedanken, um ganz in die Gottheit zu versinken, was ihnen denn wohl am
Ende gelingt, denn welcher Menschengeist versänke nicht am Ende dabei! So werden
sie wirklich halbe Bildsäulen, die Vögel bauen Nester auf ihnen, die Wallfahrer
beten im Anschauen dieser Heiligen! Und ich kann zehn Schritte umhergehen, kann
liegen, kann sitzen, denken, was ich will: wie bequem hab' ich's neben dieser
Menschenart, und doch sind's auch Menschen. Ich stelle mich jetzt manchmal eine
Zeitlang unter meine Fensterblende, sehe in den Himmelsstreifen, strecke den Arm
aus, denke einen Gedanken, bis ich wirblig werde und erschöpft zusammensinke.
Dann empfinde ich, dass mein Los noch beneidenswert!
    Welch ein kalter Strom hat sich wieder an meine Einsamkeit hergewälzt! Ich
habe kaum Fassung, Dir zu schildern. Gestern kam der entschlossene, klirrende
Schritt des Ordonnanzsoldaten neben unserem Wächter den Korridor entlang, und
über jeden von uns legte sich das atemlose Beben, dass der Schritt vor seiner
Zelle halten, seinen Namen rufen werde - das ist so schreckhaft! Denke Dir, wie
sehr unsere Nerven schon zerstört sind: das Verhör allein kann uns fördern, den
traurigen Zustand ändern, wenn nicht in einen besseren verwandeln, denn im
schlimmsten Falle ist Strafgefängnis eine Erholung gegen den Untersuchungsarrest
- und doch fürchten wir alle das Verhör, wenigstens die Ankündigung desselben,
das Klopfen, den Namensruf, das hastige Ankleiden,
