 oder
wegdefinieren zu lassen. So glaub' ich an die Kraft und Macht des Gebetes, aber
wenn es ein Unglück ist, so habe ich es, die Kraft und Macht des Gebetes nur
darin zu finden, dass es mir selber Kraft und Macht gewährt. Soll ich Dir's nun
offen gestehen, dass es mir wie kläglich und jämmerlich vorkam, just im tiefen
Elende das Gebet so aufzusuchen, wie es mir niemals nahegetreten, niemals für
mein Ich natürlich gewesen war; diese Verleugnung meiner selbst mochte ich
nicht. Der innerste Gedanke eines nicht verwahrlosten Menschen ist für mich ein
Göttliches; dagegen zu lügen ist mir ein Frevel, eine Sünde, wie es die
Terminologie nennt - das Glück vielleicht bekehrte mich zu etwas Herkömmlichem,
das meinem Wesen sonst fremd ist, das Unglück nimmer. Der geheimste, beste Stolz
ist gar oft der Lebensodem einer moralischen Existenz, man muss ihn respektieren,
selbst beim Bösewichte. Ich konnte Gott bitten, dass er mir das Betteln erlasse,
weil ein solch Verhältnis zu ihm nie das meine gewesen, aber ich konnte nicht
bitten, dass er eingreifen möge in mein traurig Schicksal; solches ruckweise
Regieren der Welt mag für viele ein segensreicher Trost sein; wehe dem, der ihn
leichtsinnig den Menschen rauben wollte, für mich ist er ein Fremdes. Ich habe
mit Gott gesprochen, aber mein Individuum ist dabei für mich selbst unverloren
geblieben. Sagt man, ich habe keine Demut, und sei deshalb noch weit ab von dem,
was das Dogma heische, so hat man vollkommen recht. Aber es ist eben mein
Glaube, dass ich nichts in mich aufnehmen kann, was meiner besten Innerlichkeit
nicht zupassen will, und dass ich nicht imstande bin, ja es für frevelhaft halte,
gegen mich selbst zu lügen.
    Und nach alledem wirst Du mir doch glauben, dass es meine besten Stunden in
diesem Elende sind, wenn ich einen antwortreichen Verkehr mit der Gottheit
finde, wie ich mir sie denke durch Welt und Geschichte regierend. Eben wenn sie
antwortet aus mir heraus, dann hab ich meines Erachtens das richtige Verhältnis
zu ihr gefunden. Warum soll sie der eine nicht im brennenden Busche sehen, der
andere im Säuseln der Lüfte hören, der dritte im Todesschweigen der Wüste oder
des Kerkers!
    Wenn Du diese schmutzigen Blätter je sehen solltest, wie würdest Du lächeln,
dass ich nach Deiner Meinung echt deutsch das letzte Stückchen Papier für
metaphysische Redensarten verbrauchte. Ich hatte eben einen gesammelteren Tag
gehabt und über Gott gedacht, und über die Art und Weise, in welcher die
Menschen sich auf der Erde untereinander eingerichtet, und dass sie soviel
einzelne ausstoßen müssen durch Gefängnis und Tod. Nebenher hab' ich mir eine
kleine Beschäftigung erfunden; täglich wird
