
Ich glaube, der Tag steht still,
Mein müder, abgehetzter Sinn
Weiß nicht mehr, was er will -
Hat alles zehnmal schon durchirrt,
Was jemals er erlebt,
Was nur vorüber ihm geschwirrt,
Was er gehofft, erstrebt -
Er weiß nichts mehr, und dumpf und tot
Liegt alles vor ihm da -
Mein Gott, erbarm dich dieser Not,
Der Wahnsinn tritt mir nah!
Die Glocken läuten draußen,
Die Leute beten zu Gott -
Und den Sturmwind hör' ich brausen,
O Glocken und Sturm, weckt Gott -
Weckt Gott, dass er mir helfe,
Ich bin ja auch sein Kind -
Es heulen die Glocken wie Wölfe,
Ans Fenster schlägt höhnend der Wind.
    Mit dem Sonnenschein mag es draußen ein Ende haben, Regen und Wind schlagen
an meine Blechblende, es wird Herbst sein - das beruhigt mich in etwas, nur die
Hypochondristen gehen jetzt draußen spazieren. Aber es ist Sonntag, hat mir der
Wärter gesagt, und der Schmutz und das Unsonntägliche ist rings um mich her in
alter trauriger Gestalt.
Heut ist Sonntag in der Welt,
Es putzen sich alle Leute,
Ein jeder hofft für Glück und Geld
Heut irgend eine Freude.
Hab' drum mein bestes Hemd erwählt,
Wollt' auch gern Sonntag haben -
Du sieche Brust, so arg gequält,
Sollst dich am Hemde laben.
    Wenn sie auch Dir nicht nahe liegt, denn Du bist ein gottloser Mensch, aber
andern Leuten ist die Frage natürlich: Warum suchst du keinen Trost bei Gott,
warum flüchtest du nicht, von aller Welt verlassen, in den Schoss der Religion?
Darauf muss ich gestehen, dass ich nach der allgemeinen Ausbildung jetziger Jugend
alles auf die Festigung meines Charakters verwendet, alle höheren Bezüge da
hinein gewoben habe, und dass es mir nichts hilft, ein Aussenliegendes zu suchen.
Ist es mir nicht gelungen, was die Menschen Gottheit und Religion nennen, in
meine innersten Fasern aufzunehmen, dann bin ich wirklich verlassen, wenn die
Welt mich verlässt. Also ist es mir aber niemals geworden, meinen inneren Halt
haben nicht Leid noch Entbehrung erschüttert, und insoweit hat mir der jetzt
ziemlich allgemeine Zustand, welchen die Theologie beklagt, Probe gehalten. Ist
er ein falscher, so wünsche ich denen Glück, welche imstande sind, einen anderen
mit sich in Einklang zu bringen; ich glaube es gern, dass der Traditionsgläubige
festeren Anhalt nach dieser Seite hin finden mag, aber ich fürchte, die übrigen
selbsteigenen Stützen des Charakters, die selbstgezimmerten, sind ihm schwächer
und unkräftiger. Ich bin zu trocken vernünftig, um einem Dogma anzugehören, das
mir nicht auf dem Wege meines Gedankens zukommt, und fühle mich zu sehr in
poetische Ahnungen hineingedrängt, um mir das Unsichtbare vordefinieren
