' es, ach, Joel, mein Sohn!« -
    Das Kästchen entfiel ihm, er griff mit den mageren Händen heftig nach dem
Gesichte seines Kindes und verschied.
    Tief im Hintergrunde des Gemütes lagen bereits diese Verwüstungstage, als
Joel, ein wandernder Bandjude, und Valerius, ein Bauer im südlichen Polen, über
die Fläche hinstrichen - es war über einen Monat seit dem Falle Warschaus
vergangen, so langsam hatten sie laviert, um durch den herrschend gewordenen
Feind hindurchzukommen bis in die Nähe des Krakauschen Gebietes. Unterdessen war
die polnische Armee nach mancherlei stürmischen Versuchen in der Wahl eines
neuen Generalissimus, in der Wahl eines neuen Feldzugsplanes an die Preussische
Grenze gedrängt worden, war dort übergetreten, hatte die Waffen niedergelegt,
war aufgelöst; unterdessen war auch der raue Herbstwind tätig gewesen, das Laub
fing zeitig an von den Bäumen zu fliegen, der Himmel ward grau und grauer. Die
beiden verwüsteten Wanderer sprachen wenig oder nichts von den nächsten Dingen,
nur zuweilen, wenn sie ruhten und das kümmerliche Mahl aus dem Reisesacke sie
gestärkt hatte, sprachen sie, und dann wurden es stets allgemeine Beziehungen,
und es klang wie verlorenes Wort in eine Wüste hinaus.
    In diesem südlichen Teile des Landes fanden sie mitunter eine Laubholzung,
und an einem bleichen Nachmittage, als sie, eine solche verlassend, wieder ins
Freie traten, sahen sie am Horizonte Krakau, die alte ehrwürdige Polenstadt, die
Stadt des polnischen Gesanges und der Kirchen, vor sich mit den plumpen Türmen.
    Sie setzten sich unter einen Eichenbaum, der spärlich gegen den rauen Wind
schützte, und verzehrten ihr hartes Brot, zu dessen Würze Joel einige Zwiebeln
hatte. Als das kümmerliche Mahl beendigt war, sahen sie noch lange schweigend in
die traurige Welt hinein; in kleiner Entfernung lagen mehrere tote Pferde
zerstreut umher - das Rozyckische Korps hatte sich hier noch lange gewehrt; ein
Mensch war nirgends zu sehen.
    »Das Studium der Weltgeschichte,« hub Valerius an, »ist unser trauriger
Trost; jede neue Epoche findet eine neue Stellung zu ihr, eine neue Erklärung
derselben, und doch halten wir uns immer an diesen einzigen Trost, weil wir uns
immer erst beschwichtigt glauben, wenn die Dinge auf ein Gesetz geführt sind.
Menschen! auch unser Stolz ist ein mitleidig gewährter Sonnenblick, damit wir
unsere Schwäche vergessen. Vor kurzem war es unsere natürlichste geschichtliche
Forderung, dass Polen bestehen müsse, das Schicksal entscheidet anders, wir
erfinden ein anderes geordnetes Räsonnement, damit wir unter einem neuen
weltistorischen Gesetze doch den Anschein bewahren, als beherrschte unser Geist
die Welt. Menschen! Und wir sind einer wie der andere.
    Ich habe nun die Polen gesehen; sie sind wieder besiegt, und ich glaube
jetzt, sie werden nie siegen,
