 Chor der
Griechen, und das poetische Interesse ist um so größer, der Held ist dem Fatum
erlegen. Honorar und Beifall sind ebenso groß. Was nun aber die Cholera
betrifft, um wieder auf besagten Hammel zu kommen, denn ich sehe, du wirst
ungeduldig, so behandeln wir selbige epigrammatisch. Ein glücklicher Augenblick,
ein glückliches Wort, ein ungewöhnlicher, plötzlicher genialer Versuch des
Arztes - das gibt dem Dichter das Epigramm, dem Arzte das Mittel gegen die
Cholera. Das Epigramm heilt selten, wie du weißt, aber es trifft den
empfindlichen Punkt; Leben und Tod steht in Gottes Hand, sagen wir; das schnelle
Ende ist ebenfalls ein Zeichen, dass wir auf rechtem Wege waren, es ist
Schickung, dass die Natur gerade den negativen Pol und nicht den positiven Pol
berührt hat. Diese epigrammatische Behandlung ist ebenfalls sehr künstlerisch,
schon Goethe sagt im Faust:
Wir sind gewohnt,
Dass die Menschen verhöhnen,
Was sie nicht verstehen. -
    Der Mediziner ist der Faust der Materie. Er verschreibt sich dem Teufel, um
das Wesen der Natur zu ergründen. Der Teufel besteht nämlich in den verborgenen
Kräften derselben.
    Uff, setz dich hierher, altes Brüderchen, lass mich ausreden, es gibt sonst
ein Unglück, ich fühle alle meine Studien und Betrachtungen auf der Zunge. Wenn
ich dir den jetzigen Zustand unserer Medizin schildern sollte, - denn das müsste
ich, um dir unsere Behandlung der Cholera dazutun - so wäre eine Darstellung
der ganzen Kulturgeschichte notwendig. Erschrick nicht, ich begnüge mich mit
einigen Strichen, die letzten Jahrhunderte zu bezeichnen. Die Medizin ist immer
abhängig von dem Zustande der laufenden Bildung, so wie es denn nach deinen
eigenen Worten keine vereinzelte Erkenntnis gibt. Alles hängt an dünnen, oft
kaum sichtbaren Fäden zusammen. Die Philosophie lernt von der Naturkunde, die
Naturkunde von der Philosophie, und die Medizin ist ein Dekokt aus beiden. Die
Geschichte der Medizin lässt sich am tiefsten aus einer Geschichte der
Philosophie studieren, - aber die Cholera ist gekommen, alle entdeckten Gesetze
sind an ihr gescheitert, Hegel persönlich ist von ihr weggerafft worden, die
Wissenschaft steht wieder vor ihr wie vor einem dunkeln Vorhange. Diese Cholera
ist eine vollkommen neue Manifestation der Welt, es muss erst wieder eine neue
Poesie kommen, um sich ihrer zu bemächtigen, damit einer neuen Wissenschaft die
Augen geöffnet werden. Die Sprache dieser Pest ist unserer Gelehrsamkeit
unverständlich, sie passt in keines unserer Wörterbücher, das Glück und das Genie
schnappt hier und da ein Wort auf und rettet einen Menschen, aber an Gesetze
dieses neuen Idioms ist nicht zu denken, wir warten wie die Juden auf den
Cholera-Messias.«
    »Du bist ein systematischer Narr,« erwiderte Valerius auf die
