
immer sind wir innerlichst der Meinung, dass sie durch unser Zutun, wenn nicht
geändert, so doch gelenkt werden, und unser Missbehagen erreicht den höchsten
Grad, wenn wir uns von aller Tätigkeit und Einwirkung ausgeschlossen sehen. Dann
glauben wir uns dem Ärgsten preisgegeben.
    So Valerius. Alles schwarzen Gedanken seiner letzten Entwicklungsjahre
sammelten sich um sein Krankenlager, und als er zum ersten Male wieder ausgehen
konnte, brachte er eine ganze Welt von quälenden Gedanken mit sich an die warme
Sommerluft. Und die Gedanken flogen nicht mehr in Gestalt von Zweifeln um seine
Seele, es waren feste, unumstössliche Vorstellungen. »Du bist eins der
unglücklichsten Wesen auf der Welt,« sagte er sich, »in die Reform des
Menschengeschlechts hast du dich hineingestürzt mit einem Herzen, das jeden
Augenblick selbst des Trostes, der Unterstützung bedarf, das an Liebhabereien,
Gewohnheiten hängt, wie das Kind an der Amme, das bei jedem neuen Schritte
tausend Fragen der Rücksicht und Bedenklichkeiten aufwirft. Unglücklicher Tor,
wozu taugst du auf dieser Welt? Im beschränkten hergebrachten Kreise fortzuleben
genügt dir nicht, um das Kleine, Unscheinbare kennen zu lernen, und dich am Ende
daran zu erfreuen, fehlt es dir an Geduld und Ausdauer, und für das Große an Mut
und Kraft. Deine Hoffnungen gingen zugrunde, da du dieses Volk anders fandest,
als du daheim hinter dem Ofen geträumt, mit einem einseitigen Maßstabe der
Bildung kamst du her, und entsetztest dich, als er nicht passte für neue
Verhältnisse. Sie haben recht, die Verfolger dieser neuerungslustigen Jugend,
wenn sie uns Oberflächlichkeit vorwerfen, wenn sie sagen: Es sind junge, unreife
Leute, voll Drang nach neuen Dingen, weil sie zu ungeschickt, zu träg, zu stolz
sind, sich mit allen Kräften der alten zu bemeistern. Es ist ihnen zu
langweilig, die bisherigen Zustände bis in ihr tiefes historisches Leben zu
ergründen; die beliebten historischen Rezits, einige blendende wissenschaftliche
Redensarten, die sie sich angeeignet, geben ihnen die Überzeugung tiefer
geschichtlicher Einsicht. Die eigene innere Unlust, Dinge gründlich erschöpfend
zu studieren, stachelt sie, alles, was da ist, abgelebt, veraltet, unvollkommen
zu nennen. Einige Unvollkommenheiten, Vernachlässigungen, Mängel, die bei keinem
irdischen Institute ausbleiben, dienen ihnen als Vorwand, alles für schlecht,
jede Veränderung für notwendig zu erklären. In dem hohlen Revolutionslärm
übertäuben sie das eigene Gewissen, das ihnen zuflüstert, wie sie die Zukunft im
Grunde dem Zufall überlieferten, die Zivilisation auf eine unsichere Karte
setzten, wie sie nicht die Fähigkeit besässen, eine neue Gesellschaft zu
erfinden, eine Gesellschaft mit den tausend kleinen Rädern und Walzen, deren
Kenntnis das erschöpfendste, gründlichste, sorgfältigste Studium nötig macht.
Solche Leute, trösten sie sich,
