 spann, verstimmte ihn
indes immer mehr. Er war gekommen, für dieses Volk zu kämpfen, und nun sah er
sich fortwährend wie ein störender Fremder übergangen und doch beobachtet. Bei
größerer Unbefangenheit hatte er allerdings keinen eigentlichen Grund zur Klage;
es war Torheit zu verlangen, dass die Polen jeden Fremden in ihre geheimsten
Absichten einweihen sollten. Aber das Unbehagen war bei einem Charakter wie der
seine ebenfalls natürlich.
    So verbrachte er in trüber Stimmung den Rest des Tages auf seinem Zimmer.
Alle Zweifel über Leben, Völker, Freiheit rüttelten wieder an ihm, und er schalt
sich selbst, dass der Gedanke an die glänzende Fürstin zum öfteren in ihm
aufstieg, und jene finsteren Gestalten mit einem freundlichen Lichte
beleuchtete.
    Wenn wir einmal ins Zweifeln gekommen sind, so hält kein Glaube mehr fest,
und die stärksten Menschen, welche sich auf eigene und neue Wege des Lebens
gewagt haben, erschrecken vor ihrer Kühnheit. Sie beneiden dann einen Augenblick
die große Masse der Alltagsmenschen, die im hergebrachten Schlendrian
einherziehen, dergleichen Zweifel und Sorgen nicht kennen, und in Trübsal immer
links und rechts Stützen finden, weil sie nie von der allgemein betretenen
Heerstraße gewichen sind. Die Männer neuer Lebensgedanken und einer neuen Zeit
werden auch immer die Märtyrer derselben, selbst wenn ihnen die alte störrige
Außenwelt keine Kerker öffnet, keine Schafotte errichtet. Ihr Gewissen, das
unter den alten Gedanken aufgewachsen ist, hält sie unter einer immerwährenden
Tortur, und es ist um so peinlicher als das der andern Menschen, weil es die
Verpflichtungen gegen die Gesellschaft tiefer empfindet. Die immerwährende
Prüfung hat es spitzer und feiner gemacht. Und der stärkste Mensch misstraut
seinen Kräften, der edelste Reformator fragt sich in stillen Stunden: Bringst du
nicht auch Unglück mit deinen neuen Gedanken? Beruht das Herkommen nicht auf der
Weisheit vieler Generationen? Ist deine und der Gleichgesinnten Meinung nicht
vielleicht unreif, unvollkommen, grün und dreist neben den alten viel geprüften
Formen?
    Ertappt er sich nun auf einen Irrtum, auf einer Schwäche, sie mögen noch so
fern liegen von dem Hauptgange seiner Gedanken, dann ist die allgemeine
Unsicherheit da. So ging es auch Valerius. In all seinen Überzeugungen war er
schwankend geworden. Nichts war ihm früher klarer und abgemachter erschienen,
als das Verhältnis zwischen den verschiedenen Geschlechtern, seine Ansicht über
Ehe und Treue. Der Gedanke an die Fürstin weckte dies alles wieder auf, und der
quälende Zweifel seiner Seele brachte jetzt alle die Gesichter seiner Ideen über
diese Gegenstände bleich und mit verzerrten Zügen vor seine Augen.
    Die Dämmerung lag bereits in seinem Zimmer, und noch ging er brütend,
prüfend, anklagend, verteidigend, verwerfend in demselben auf und ab. Einem
fremden Zuschauer hätte er unheimlich erscheinen müssen, wie er halblaut
sprechend mit
