 einem großen Teile der niedriger Geborenen ein
verborgener irdischer Himmel auf, in welchem die höheren Stände sich bewegen,
nach welchem der Geist strebt, ohne es zu wissen. Denn dieser wunderliche Himmel
liegt wie eine unklare, ungestaltete Ahnung in diesen Menschen, und wenn sie mit
vornehmen Leuten in genaue Lebensverhältnisse kommen, so fühlen sie sich in
einer erhabeneren Sphäre, und doppelt glücklich, ohne dass ihr Stolz die richtige
Deutung dieser Illusion auffinden lässt. Das schreitet vom Bauer zum Bürger, vom
Adeligen zum Fürsten, und durch alle Mittelglieder dieser Stände. Es hilft
nichts dagegen als ein trostloser Indifferentismus, der keine Reize kennt, und
die poetischen Menschen verfallen am ersten in diese Illusion. Denn der
Begabteste sucht vor allem nach vollkommeneren Zuständen. Diese Illusion völlig
verwischen, hieße die platte Prosa ins Leben einführen, und die edleren
Demokraten wollen wohl nicht alle Unterschiede aufheben, sondern sie mildern,
sie auf richtigere Unterschiedsmerkmale gründen und die Aussicht auf eine
einstige völlige Ausgleichung eröffnen. Denn sie glauben an ein zukünftiges
Äusserstes der menschlichen Zivilisation.
    Aber all diese Dinge, welche sich Valerius auf dem Wege nach seiner Wohnung
vorsprach, halfen ihm nicht von dem unbehaglichen Gefühle, das in ihm erregt
war. Jenes geheime Etwas - jenes geheime Etwas, das glaubte er wie ein Wild
verfolgen zu müssen, das war der unbestimmte Makel, auf den er alle seine
Aufmerksamkeit richten wollte.
    Darüber hatte er sich in den Straßen verirrt und war in eine enge Sackgasse
geraten. Das Quergebäude, das die Gasse schloss, hatte ein großes Tor, er glaubte
eine Spalte davon offen und einen Menschen zwischen den Flügeln zu sehen. Der
Mondschein fiel eben auf das Tor, Valerius sah, dass der Mensch eingeschlafen
war, er wusste indessen keinen Ausweg aus diesem Strassengewinde und sah sich
genötigt, den Schläfer zu wecken, um Bescheid zu erhalten. Als er ihn rüttelte
und nach dem Wege fragte, fuhr dieser bestürzt in die Höhe »ja, ja, Herr!« nahm
Valerius bei der Hand und führte ihn durch einen schmalen, dunklen Hof, nach
einem alten Stallgebäude. dabei bat er fortwährend mit leiser Stimme, der Herr
möge ihn nur nicht verraten, dass er geschlafen, er müsse den ganzen Tag Holz
hauen, um sein krankes Weib und seine Kinder zu ernähren, und es sei jetzt schon
die dritte Nacht, dass er am Tore stehen, und den Fremden den Weg weisen müsse,
da sei es ihm wohl zu vergeben. Dies und dergleichen sprach der Mann, und ehe
noch Valerius über die wunderliche Erscheinung zu sich gekommen war und ein Wort
gesprochen hatte, sah er sich von dem Führer in das Stallgebäude geschoben.
    In dem weiten Raume brannten nur einige Handlaternen, welche durch die
Hände,
