 Mädchens
könnte Ihnen gefährlich werden, ich weiß, Sie suchen jene Unbefangenheit, weil
Sie eine dunkle Ahnung haben mögen, dass sie Ihnen selbst fehlt. - Ihr Gesicht
voll Verwunderung, Herr von Valerius, ist für mich sehr unterhaltend, es steht
Ihnen völlig neu und originell, da sie sonst immer alles wissen und durch nichts
überrascht werden, oder wenigstens durch nichts sich überraschen lassen. Es ist
da nichts zum Verwundern, wir Frauen bemerken es nebenbei, ohne dass wir
handwerksmässig auf das Beobachten ausgehen, und unsere Bemerkungen sind oft
tiefer, weil es die schnellen Gefühle sind, von denen sie uns zugetragen werden.
Fast jede Frau betrachtet eine neue Männerbekanntschaft mit den Beziehungen der
Liebe, der Mann mag noch so reizlos und uninteressant sein, die Frau forscht
überall an ihm, ob nichts Liebenswürdiges aufzufinden sei, und solange sie nicht
vom Gegenteil überzeugt ist, wird ihr der Mann nicht völlig gleichgültig. Das
Lieben und Geliebtwerden ist nun einmal unser Element - natürlich ist es dabei
nicht immer auf Liebesverhältnisse abgesehen, was man so zu nennen beliebt,
sondern nur auf die Frage des Interesses oder der Gleichgültigkeit. Ich bin
aufrichtig und sage, was die meisten Frauen verschweigen. Sie können nun aber
auch meinen Beobachtungen Glauben schenken und sie der Berücksichtigung wert
achten - lieben Sie jenes Mädchen, oder sind Sie auf dem Wege sie zu lieben?
Geschwind, ohne Ausflucht.«
    Valerius lächelte und gestand, dass ihm Hedwig heut zum erstenmal als ein
schönes Mädchen aufgefallen sei, übrigens drückte er nicht ohne eine leichte
Ironie der Fürstin seine Verwunderung aus über solch ein plötzliches und
ungewöhnliches Verhör.
    »Ich glaub' es,« fiel sie ihm schnell in die Rede, und eine leichte Röte
flog über ihr Angesicht, »ich glaub' es; Historiker wie Sie, begreifen das
nicht. Das sind die Staatsangelegenheiten der Weiber, in diesem Fache müssen wir
von allem genau unterrichtet sein; wir haben auch unsere historischen
Interessen. Wer wird auch so ungezogen sein und eine Dame gleich bei der ersten
Begrüßung fragen, was sie plötzlich aus Deutschland nach Polen geführt habe. Sie
müssen sich diplomatisch ausbilden; nach dem Zweck und Ende fragt man wie billig
eben am Ende, wenn man sich die Hand zum Abschiede drückt. Ich langweilte mich
in Deutschland, mein lieber Landsmann, ich sehe die Menschen am liebsten in
ihren Leidenschaften, da tritt alle Schönheit, aller Rest von Göttlichkeit
hervor, da ist das Leben aus dem Sumpfe der Gewöhnlichkeit erhoben, ich habe
nicht Lust, meine Jugend reizlos hinzubringen; die Zeit kommt früh genug, wo man
nicht mehr reizt, nicht mehr gereizt wird, und nichts Besseres tun kann als
lesen und denken und philosophieren und Befriedigung und Ruhe nach innen und
außen suchen
