 Trost nötiger als je, es tat ihm mehr als je
not, ins Auge, in die Seele der Welt hineinzublicken. Er befand sich auf jenem
traurigen Standpunkte menschlicher Entwickelung, wo der graue Zweifel, die
aschfarbene Ungewissheit Herz und Geist anfüllt, wo bei leidenschaftlichen
Menschen die Verzweiflung ausbricht, bei ruhigeren aber jene tötliche
Gleichgültigkeit des Unbehagens. Sogar die Vergangenheit war ihm verleidet: sein
eigenes sicheres, abgemachtes Wesen, das ihn früher ausgezeichnet hatte, war
jetzt seiner Erinnerung ein Greuel. Abgeschmackt, eitel, töricht erschien ihm
diese knabenhafte Sicherheit, dies ganze gesetzte Wesen, das ihm stets ein so
großes Übergewicht unter seiner Umgebung eingeräumt hatte.
    Und doch waren es nicht jene Freiheitsgedanken an sich, die er jetzt
bezweifelte; es waren die Verhältnisse im großen, die allgemeinen historischen
Entwickelungen, die ihm den Geist mit Dämmerung bedeckten. Er ahnte das
Tausendfältige der menschlichen Zustände, die tausendfältigen Nuancen der
Weltgeschichte, die millionenfachen Wechsel in der Gestalt eines Jahrhunderts
und in der Gestalt seiner Wünsche und Bedürfnisse. Er sah die Armut des
menschlichen Geistes, der reformieren will, neben dem unabsehbaren Reichtume,
der unendlichen Mannigfaltigkeit dieser Welt und ihres verborgenen ewigen
Gedankens. Wie ein Prisma schimmerte ihm aus dem Dunkel seiner Seele jener ewige
Gott der Welt mit seinen Farben. Und dies Gefühl der Schwäche, dass er nicht eine
einzelne bestimmte Farbe herausblicken konnte, das Gefühl der Ohnmacht, sie
nicht im Geiste alle vereinigt halten zu können, dies Gefühl der menschlichen
Beschränktheit drückte ihn zu Boden.
    Es gibt Menschen, welche zu stolz sind, einen Schritt weiter zu gehen, bevor
sie das Ziel genau kennen, auf welches sie losschreiten. Zu diesen gehörte
Valerius. Er glaubte noch an all seine früheren Gedanken, aber sie erschienen
ihm jetzt unvollkommen, Anfänge der Bildung.
    Das sind die trostlosesten Momente im Leben, wo wir den Fuß erhoben haben
von einer früheren Entwicklungsstufe, und noch keinen neuen festen Boden unter
uns fühlen. Wir sehen mit Schrecken, wie tief jene Stufe noch gelegen, wir
erinnern uns mit Scham, wie weit wir uns schon vorgeschritten glaubten, als wir
auf. jener Stufe standen, und der Gedanke zerknirscht unser stolzes Herz, dass
wir beim nächsten Ruhepunkte wieder in denselben Irrtum verfallen, und uns für
fertig, für vollendet halten werden. Wir sehen ängstlich fragend zum Himmel: Wo
ist das Ende, wo ist der Gipfelpunkt des Menschen? Aber der blaue Himmel ist
endlos für das menschliche Auge, und wenn wir noch so hoch gestiegen sind, wir
wissen's nicht, ob es höher Stehende gibt, die uns verlachen. Da bricht das
Herz, und wir greifen nach jener Milde und Toleranz für andere, damit wir
Versöhnung in das Leben bringen.
    Valerius seufzte tief auf
