
Die Medizin scheint er in seinen jungen Jahren am eifrigsten betrieben zu haben;
in allen bedeutenden Städten Europas hat er sie ausgeübt. Aber auch die Ärzte
hasst er wie die Pest. Einst war ich schwer krank und lag im Fieberschlummer auf
dem Lager. Manasse saß weinend an meinem Bett und glaubte meinen Geist vom
Fieber oder vom Schlafe befangen. Dem war aber nicht so, ich hörte alles, was er
vor sich hinlispelte. Er verwünschte die Natur, wenn sie mich tötete, das Auge
seines Lebens. Kein Mensch kann einen Pulsschlag schaffen, nur die Frechheit
behauptet's, murrte er vor sich hin, rette ihn Zufall oder Jehova, rette ihn,
wer am mächtigsten ist. Dann brach sich seine Stimme zu großer Milde, er rief
mehrmals den Namen Maria, und erzählte vor sich hin, wie er des Abends in den
Mantel gehüllt unter Kirchenpfeilern gestanden, wie sie gekommen sei und ihn
geküsst habe, heiß und brünstig. Aber Jude - Jude - ein Jude! stöhnte er
ingrimmig, ich verlor die ganze Welt, und mein eigen Kind musst' ich mir stehlen.
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    Jene Maria war vielleicht meine Mutter. Einmal nur hab' ich's zu Manasse
gesagt, da starrte er mich an und verfiel in eine schwere Krankheit. Kurz, mein
Herr, ich bin als Jude aufgewachsen, und in dem einen Worte liegt das Unglück
eines ganzen Menschenlebens.
    Die Juden Jerusalems kreuzigten Christum, und seine Bekenner kreuzigen dafür
seit achtzehnhundert Jahren alles, was Jude heißt auf dem weiten Erdboden. Und
was noch schlimmer ist, sie haben bereits einen großen Teil dieses Volkes so
weit gebracht, dass er der Geisselung, der Verachtung würdig ist. Sie haben ihnen
Messer und Schere genommen, und prügeln sie, wenn sie mit ungeschornem Barte
umhergehen. - -
    Was soll ich Ihnen mehr erzählen? Mit jenem Worte ist alles gesagt. Ich bin
blind von Kindesbeinen auf - nicht genug: ich bin taub geboren - nicht genug:
meine Zunge ist lahm und lernt nicht sprechen. - Solche Menschen nennt man
elend, aber viel größeres Elend liegt in den drei Worten: Ich bin ein Jude. Jene
sehen und hören nichts von der Schönheit der Welt, sie wissen nicht, was sie
entbehren. Wir sehen und hören und dürfen nicht genießen. Es gibt kein größeres
Unglück, als verachtet zu sein, nicht wahr? - Doch, doch - das Unglück, einem
verachteten Volke anzugehören, ist noch ein größeres. Verbirg dich jenseits der
Meere, fliehe auf den Flügeln der Abendröte in die Nacht hinein, wo du einen
Menschen findest, hörst du die drei fürchterlichen Worte: Er ist ein Jude! - -
    Mein Vater ließ mich alles lernen, was
