
    Ich weiß, dass tausend solche Opfer, wie Konstantin eins vorbereitet, fallen
müssen, eh' der Tag siegreich alles erhellt; in der unsicheren Beleuchtung des
dämmernden Morgens stolpern die meisten - aber ich weiß auch, dass dieser
einleitende Nachteil Eurer großen Sklaverei vorzuziehen ist, welche den Menschen
der Menschheit opfert. Mir ist der Staat des einzelnen wegen da, Dir der
einzelne des Staates wegen. Darin ruht der große Unterschied. Ich opfere
einzelne für den künftigen allgemeinen Gewinn, Du opferst alle für eine
regelmäßige Maschine. Das Individuum soll allerdings mit seiner Persönlichkeit
zurücktreten, um die Allgemeinheit zu fördern, aber dies soll das Ergebnis der
Bildung, der überzeugten Resignation sein, ein Akt der Freiheit, und so rettet
das Individuum seine Freiheit durch seine Opfer. Das Opfer wird aber von Tage zu
Tage geringer, da die Zahl der selbständigen Individuen größer wird und am Ende
keines dem andern mehr in den Weg tritt - so wird endlich der einzelne und die
Allgemeinheit frei: Dein einzelner bleibt aber ewig Sklave.
    Darum tadle ich es nicht einmal, wenn sich das Individuum glänzend geltend
macht, ich tadle es nur, wenn ein anderes darunter leidet.
    Nicht viel anders ist es nun auch mit Deinen Ansichten über die Poesie. Sie
ist bei Dir auch nicht viel mehr als die Kunst der abstrakten Formeln. Wenn das
Individuum selbständig werden soll, so muss es sich erst verschönern, geltend
machen. Dass nun die neuere Poesie, an deren Spitze sich Heine gestellt, die
einzelne Figur mit Vorliebe heraushebt, und spielend an ihr herumgleitend, erst
tändelnd an ihr hinabgleitend, mit einem schnellen Sprunge in dem oder jenem
Gedanken sich begräbt - das alles ist Dir ein Greuel. Du willst keine Figur,
willst nur die aus ihr abgezogene Formel, willst Sentenzen, Sätze usw. Darum
verstehst Du auch die poetische Naturanschauung Heines nicht - es ist eine
streng demokratische: er lässt nichts unbeachtet liegen, was einmal da ist; Ihr
esoterischen Sublimritter habt aber ein gewisses Register poetischer
Gegenstände. Es ist alles poetisch oder nichts - es kommt nur auf das Glas an,
womit man's betrachtet. Euch ist es unerhört, dass ein Knabe im Gedicht »angeln
und pfeifen« kann; Ihr habt eine prüde Poesie. Natürlich könnt Ihr auch die
kleinen poetischen Gemälde nicht verstehen, weil Ihr keine Bilder ohne
Unterschrift wollt. Konsequent setzt Ihr auch die schönen Uhlandschen Balladen
und Romanzen den breit erklärenden Schillerschen nach. Ich tu natürlich das
Gegenteil. Dass das Gedicht mitten im Klange aufhören und darum den höchsten Wert
haben könne, wenn es auf eine schöne Weise die Saiten des Lesers tönend
angeschlagen habe, begreift Ihr nicht. Wie es bebt und rauscht und klingt,
nachdem Ihr das Gedicht zu Ende gelesen
