 - Ich lege Dir einen Brief von Konstantin und einen von
der Fürstin bei - was will denn die gefährliche Frau von Dir? Ach, Du machst mir
recht viel Sorge. Die gute Alberta ist so still und traurig, dass Du nicht da
bist, sie sitzt fortwährend am Fenster, und wenn ein Reiter kommt, jubelt sie,
und wenn Du's nicht bist, kommt ihr das Wasser in die Augen. Ach, Du bist ein
Bösewicht. Auch der Graf ist so still und noch sanfter als sonst; auch er
scheint Kummer zu haben. Eile, uns froh zu machen!
 
                          39. Valerius an Konstantin.
Ich lege Dir Williams Brief bei; sieh', wohin der einseitige Fanatismus führt.
Wo jeder Gedanke von Freiheit fehlt, da gibt es nur Höhen und Tiefen, schmale
Wege, jähe Abgründe; nur die Freiheit ebnet die Welt so wunderbar, dass alles
gefahrlos gehen und springen kann. Man kann irren mit der Freiheit, aber an
jedem neuen Morgen kann man sich zurechtfinden. Der absolutistische religiöse
oder politische Glaube kennt keinen Irrtum, er kennt nur Sünde und die Sünde
gebiert den Tod, sagt er selbst. William ist das Opfer des Absolutismus, Leopold
wird der Spielball der Gesetzlosigkeit - er ist im belgischen Heere
Kompagnie-Chirurgus, wie ich eben erfahren und spielt eine abgerissene,
kümmerliche Rolle, und nur die ungeheuren, titanenartigen Kräfte erhalten oben
auf der Lebenswoge den zügellosen Hippolyt; nur sein riesenhafter Geist lässt ihn
bestehen mit seiner unbändigen, die Zivilisation überspringenden Freiheit. Du
scheinst ihn für tot zu halten, das ist er gewiss nicht; ein solcher
Romancharakter lebt noch lange in der Wildheit und wird einst, wenn seine
bestialische Kraft an den Schranken der Bildung gebrochen ist, der Anführer
eines freiheitsbedürftigen Volkes. Seine Subjektivität muss erst zertrümmert
werden, eh' er nützen kann. Jetzt ist er im Stadium des Danton, und nur die
gefährliche Zeit fehlt, dass er sich wie jener auszeichne. Aber dieser subjektive
Danton wird guillotiniert werden, und seine geläuterte Objektivität wird einst,
mit der neuen Gironde unserer Tage lehren. Er wird einst der hinreissende neue
Vergniaud werden. Es ist ein merkwürdiger Wendepunkt in unserem Leben
eingetreten. Ich gehe morgen nach Warschau, um für das heilige Recht eines
Volkes gegen die Tyrannen zu fechten. Ich liebe das polnische Volk nicht eben
sehr, aber für seine Sache will ich bluten und sterben. Dies asiatische Element
einer Herrscher- und einer Sklavenkaste, das sie noch immer nicht ernstlich
bekämpft haben, ist mir sehr zuwider. Es ist allerdings nicht der gewöhnliche
Begriff der Aristokratie, die man ihnen meistin zum Vorwurf macht, es ist eine
demokratische Aristokratie, welche die Stufen unter sich wenig beachtet und eine
große Gleichheit
