 Hilferufen
entflohen. Es wird auf das lebhafteste verfolgt; zu dem Ende kam die Nachricht
mit einem Kurier hier an. Ach, wenn er nur Dir nicht begegnet! O eile, eile zu
uns, mir bangt für Dich bei so grauenvollen Nachrichten.
 
                            36. William an Valerius.
Ich baue auf Deine Redlichkeit und vertraue mich Dir an. Die Verfolgung ist mir
auf der Ferse, ich habe große Not, ihr zu entrinnen, tu alles Mögliche, sie auf
falsche Spur zu leiten, verbreite, ich sei nach Österreich geflohen. In diesem
Augenblicke darf ich mich nicht weiter wagen, sondern muss mich verborgen halten.
Erst wenn die falschen Nachrichten zu wirken anfangen, hoffe ich über die
belgische Grenze zu entkommen. Mein ganzes Innere ist aufgelöst, ich frage mich
nach keiner Rechenschaft, denn ich kann mir keine geben. Mein Gewissen ist
verloren, keine Autorität vermag mich freizusprechen; nun so rolle denn das Rad
dem Abgrunde zu. Dass ich die Fürstin mit glühendem Verlangen liebte, wird Dir
wohl schon klar geworden sein. Lange kämpften meine Grundsätze hartnäckig gegen
mein Fleisch. Ich hätte gesiegt, wäre ich nicht durch die freundlichen Worte und
Blicke des schönen Weibes verführt worden. Ich stand auf dem Punkte abzureisen
und empfahl mich ihr; sie reichte mir die weiche Hand zum Kusse, strich mir das
Haar von der Stirn und fragte, was mich drängte. Ich konnte nicht fort, die
Sünde war ausgebildet in meinem Herzen, ich vermochte es nicht mehr, mich vor
meinem Gewissen zu rechtfertigen. Ich schlug mein Gewissen tot und wollte
genießen. Jener unheimliche Schwager stellte sich mir entgegen; er fiel als
erstes Opfer eines Menschen, der die Bande der Ordnung in sich zerrissen hat.
Schweig, schweig, ich erkenne es an, dass Du mir gegenüber jetzt im Rechte bist.
Es ist Ordnung in Dir, wenn auch eine Ordnung, die ich verabscheue. Ich selbst
geh' zugrunde, aber mein System bleibt unerschüttert; ich bin außer ihm. Alle
jene Begierden, welche die Gesetze meiner Religion in starren Banden hielten,
sind rasselnd aufgesprungen, haben sich meiner bemächtigt, seit ich jenen
Fehltritt begangen. Ein Stein ist herausgerissen, es stürzt das ganze Gebäude
über mir zusammen; ich muss rennen und rennen, um diesem Geschick zu entgehen.
Die Hölle hohnlacht, aber sie soll wenigstens einen glänzenden Fang gemacht
haben; ich habe mich verloren, aber die Lust will ich gewinnen. Zurück führt
kein Weg, der Himmel geht am Abgrunde hin, ein falscher Tritt ist hinreichend.
Ich bin gefallen und will mich der neuen Gesellschaft würdig machen. Früher
lohnte meine Tugend die äußersten Entbehrungen, Entbehrungen ohne diesen
Gegendruck sind kindische Schwäche - die Tugend ist verloren, nun denn,
