 auf den Plan zu treten und die Rücksicht
hintanzusetzen, die ihm durch sein Amt und das Vertrauen seines Königs auferlegt
war? Schien es nicht besser, das Geschäft des Spions in Heimlichkeit weiter zu
betreiben, um den ränkevollen Gewalten, tückisch wie sie selbst, erst bei
gelegener Stunde in den Rücken zu fallen? Es war nichts zu gewinnen, nicht
einmal Dank, aber alles war zu verlieren.
    O Qual, dachte er oft in schlaflosen Nächten, sonderbare Qual, dem
rechtlosen Treiben als bestellter Wächter und mit untätiger Hand zusehen zu
müssen, groß und kleine Sünde am ungenügenden Gesetz zu messen, die Feder auf
den Buchstaben zu spiessen, indes das Leben seine Bahn läuft und Form auf Form
gebiert, zerstört, niemals Herr der Taten zu sein, immer Spürhund der Täter und
nie zu wissen, was zu verhüten sei, was zu befördern!
    Er wäre nicht der gewesen, der er war, wenn er nicht einen Weg zwischen
Öffentlichkeit und feigem Verschweigen gefunden hätte, der seiner Selbstachtung
Genüge tat. Er richtete ein ausführliches Memorial an den König, worin er mit
bedächtiger Gliederung aller Merkmale den Fall darlegte, frei und kühn vom
Anfang bis zum Ende; ein Hammerschlag jeder Satz.
    Das Schriftstück begann mit der Auseinandersetzung, dass Kaspar Hauser kein
uneheliches, sondern ein eheliches Kind sein müsse.
    Wäre er ein uneheliches Kind, hieß es, so wären leichtere, weniger grausame
und weniger gefährliche Mittel angewendet worden, um seine Abstammung zu
verheimlichen, als die ungeheure Tat der viele Jahre lang fortgesetzten
Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung. Je vornehmer eines der Eltern war,
desto müheloser konnte das Kind entfernt werden, und noch weniger Ursache zu so
bedeutenden und verräterischen Anstalten hätten Leute geringen Standes und
geringen Vermögens gehabt; das Brot und Wasser, welches Kaspar im Verborgenen
verzehren musste, hätte man ihm auch vor aller Welt reichen dürfen. Denkt man
sich Kaspar als uneheliches Kind hoher oder niedriger, reicher oder armer
Eltern, in keinem Fall steht das Mittel im Verhältnis zum Zweck. Und wer
übernimmt grundlos die Last eines so schweren Verbrechens, zumal wenn er dabei
die angstvolle Plage hat, es für unabsehbare Zeit Tag für Tag wieder und wieder
verüben zu müssen? Aus alledem geht hervor, so fuhr der unerbittliche Ankläger
fort, dass sehr mächtige und sehr reiche Personen an dem Verbrechen beteiligt
sind, welche über gemeine Hindernisse unschwer hinwegschreiten, welche durch
Furcht, außerordentliche Vorteile und glänzende Hoffnungen willige Werkzeuge in
Bewegung setzen, Zungen fesseln und goldene Schlösser vor mehr als einen Mund
legen können. Liesse es sich sonst erklären, dass die Aussetzung Kaspars in einer
Stadt wie Nürnberg am hellen Tage erfolgen und der Täter spurlos verschwinden
konnte; dass durch alle seit vielen Monaten mit unermüdlichem Eifer betriebenen
Nachforschungen kein rechtlich geltend
