 aus gewissen Drohungen Ernst wird.«
    Daumer stutzte, doch der Fremde fuhr mit liebenswürdiger Offenheit,
scheinbar harmlos plaudernd, fort: »Sie sollten sich an den Gedanken gewöhnen,
dass da Mächte im Spiel sind, die vor nichts zurückschrecken, um ihre Maßregeln
mit Nachdruck durchzuführen. Das unruhige Gemunkel wird vielleicht als störend
empfunden, vielleicht hat man etwas auf dem Kerbholz und möchte die
Öffentlichkeit vermeiden. Vorläufig mag es der Gewalt, die da im Hintergrund
ist, darum zu tun sein, die Dinge möglichst in Verborgenheit abzumachen, aber
sie könnte wohl auch offenes Spiel treiben, sie könnte der Polizei und den
Gerichten mit Gemütsruhe die Hände binden. Einstweilen begnügt man sich aber,
die Fäden hinter den Kulissen zu ziehen.«
    Von neuem stutzte Daumer; die Worte seines Gegenüber schienen einen genauen
Bezug zu haben; doch der Fremde ließ ihm keine Zeit zu überlegen, er fuhr mit
heller Stimme, fast vertraulichen Tones fort: »Ich glaube vor allem, dass man die
Verbreitung all des hirnlosen Geschwätzes durch das bequeme und naheliegende
Mittel der Druckschrift fürchtet und ahnden wird. Man demaskiert sich dort oben
ungern, noch weniger will man von andern demaskiert werden, man liebt es nicht
auf den Markt zu treten, noch seine privaten Angelegenheiten da ausgeboten zu
sehen; das ist begreiflich. Der Staatsbürger hat Freiheiten genug; in seinem
Bereich mag er sich tummeln, nach oben soll er sich gebunden finden.«
    Was war das? Daumer meinte zu verstehen, worauf es hinauswollte; er
beschloss, dem dunkeln Befehl zu gehorchen; war doch dem Zwang schon seine eigne
Freiwilligkeit zuvorgekommen.
    »Ich möchte mir eine Frage erlauben, verehrter Professor,« begann der Fremde
wieder; »sind Sie wirklich überzeugt, dass der hergelaufene Knabe, an dem ich auf
meine Art, ich will es nicht leugnen, ein gewisses äußeres Interesse nehme, die
ununterbrochene Aufmerksamkeit ernsthafter Männer verdient und rechtfertigt?
Lohnt es sich denn, die ganze Welt mit seiner zweifelhaften Sache zu
beschäftigen? Was bleibt für die großen Angelegenheiten der Nation, der
Wissenschaft, der Kunst, der Religion, des Lebens überhaupt, wenn ein Mann wie
Sie die besten Geisteskräfte an ein empfindsames Naturspiel verschwendet? Man
rühmt die aussergewöhnlichen Gaben des Findlings. Ich bemühe mich umsonst, solche
Gaben zu entdecken; ich bin kühn genug, zu behaupten, dass ich damit nur an Ihre
eigne Ungewissheit rühre. Lassen wir noch ein wenig Zeit vergehen, und wir werden
über diesen Punkt eine betrübende Sicherheit gewinnen. Innerhalb der
menschlichen Gesellschaft gibt es Hunderttausende von Wesen, die, mit ebenso
großen oder noch größeren Eigenschaften geboren, dennoch einem ungleich
elenderen Los verfallen sind. Die wahrhafte Tugend müsste sich auch für sie
entflammen, denn in der Idee darf dem
