 wieder still um Sie geworden, Hauser.
Eigentümlich still ist es geworden. Man will sich nicht mehr recht um Sie
kümmern. So still war es auch damals um Sie geworden, bevor der angebliche
Mordanfall im Hause des Professors Daumer sich ereignet hat. Kein Mensch unter
all den vielen Tausenden, welche die Stadt Nürnberg bewohnen, hat zur kritischen
Zeit oder später eine Person beobachtet, die auch nur im entferntesten im
Zusammenhang mit einer solchen Greueltat gedacht werden konnte. Ihre Freunde
glaubten trotzdem an den vermummten Unhold, so wie sie an den phantastischen
Kerkermeister glaubten, der Sie das Lesen und Schreiben gelehrt haben soll.
Nichtsdestoweniger hat Sie der Professor Daumer alsbald vor die Tür gesetzt. Er
wird wohl gewusst haben, warum. Und heute steht Ihre Sache so, dass Sie sich
entschließen müssen. Ihre mächtigsten Gönner, der Staatsrat, der Lord Stanhope,
die Frau Behold, haben das Zeitliche verlassen. Erkennen Sie darin nicht einen
Wink des Himmels? Es hat ja nun keinen Zweck mehr für Sie, die Fiktion
aufrechtzuerhalten. Sie sind doch jetzt ein Mann, Sie wollen doch ein nützliches
Glied der menschlichen Gesellschaft werden. Sprechen Sie zu mir, Hauser,
eröffnen Sie sich! Sprechen Sie mit Ihrem wahren Mund, aus wahrem Herzen!«
    »Ja, was soll ich denn sprechen?« fragte Kaspar dumpf und langsam, indes
seine Gestalt verfiel wie die eines Greises und auch in seinem Gesicht lauter
greisenhafte Falten entstanden.
    Der Lehrer trat zu ihm und ergriff seine schwere steinkalte Hand. »Die
Wahrheit sollen Sie sprechen!« rief er beschwörend. »Ach, Hauser, es ist ja ein
Jammer, Sie anzuschauen, wie das schlechte Gewissen gespensterhaft aus jedem
Ihrer Blicke lugt. Ihr Gemüt ist bedrückt. Auf! die gequälte Brust, Hauser!
Lassen Sie endlich einmal die Sonne hineinscheinen! Mut, Mut, Vertrauen! Die
Wahrheit! Die Wahrheit!« Er packte Kaspar am Kragen des Rocks, als wolle er ihm
mit seinen Händen das Geheimnis entreißen.
    Was denn? Was denn? dachte Kaspar, und sein Blick flatterte wehevoll umher.
    »Ich will Ihnen entgegenkommen«, sagte Quandt. »Knüpfen wir an ein
Greifbares an. Als Sie nach Nürnberg kamen, zeigten Sie einen Brief. Sie trugen
in den Taschen Ihres verschnittenen Fracks mehrere Bücher, es waren alte
Mönchsschriften, darunter eine mit dem Titel: Kunst, die verlorenen Jahre
einzubringen. Wer hat den Brief geschrieben? Wer hat Ihnen die Bücher gegeben?«
    »Wer? Der, bei dem ich gewesen.«
    »Das ist ja klar,« versetzte Quandt mit erregtem Lächeln, »aber Sie sollen
mir sagen, wie der hieß, bei dem Sie gewesen. Sie werden mich doch nicht
