, denn wo hätte man je
gehört, dass ein auf Religion und Friedfertigkeit gestimmtes Gemüt rachsüchtig,
missgünstig und ehrgeizig gewesen wäre? Die Wahrheit liebte Quandt über alles; er
sagte es, er beteuerte es und es war auch so. Nichts war ihm offenbar genug;
nirgends stimmte die Rechnung; überall hatten die Menschen eine falsche Addition
gemacht oder den Kasus verwechselt. Er sagte und beteuerte, dass er niemals in
seinem Leben gelogen hatte. Ein bewundernswerter Fall; und wirklich stand es
fest und war nachzuweisen, dass er mit dem einzigen Busenfreund, den er je
besessen, einem Schulamtskandidaten in Tauberbischofsheim, deshalb für immer
gebrochen hatte, weil er ihm auf eine Lüge gekommen war.
    Wie ratlos musste nun Kaspar einer so ernsten Wachsamkeit, einer solchen
Vereinigung von seltenen und vorbildlichen Eigenschaften, wie sie der bessere
Teil des Lehrers bot, gegenüberstehen. Wir, der Leser und ich, haben darin
leichtes Spiel, uns kann man nicht betrügen, uns sind die Kleiderfalten offen
und die Haut über dem Herzen ist uns durchsichtig; wir weilen auf einer höheren
Warte, wir sind Seher und Humoristen; wir verfolgen Herrn Quandt, wenn er in
einen Krämerladen tritt, mit höflicher Gemessenheit ein halbes Pfund Käse
verlangt und dabei mit unruhig-eifrigen Augen die Einkäufe seiner Nebenmenschen,
gleichviel ob es Köchinnen oder Generale sind, in seinem Innern notiert; wir
hören ihn, wenn er mit dem Oberinspektor Kakelberg spricht und sich mit Schmerz
über die zunehmende Verlotterung der Schuljugend beklagt; wir sehen ihn jeden
Sonntagmorgen gebürstet, frisiert, gewaschen zum Gottesdienst eilen und mit
Bescheidenheit sein Gebetbüchlein aufschlagen; wir wissen, dass er respektvoll
gegen Höhere und unnachsichtig gegen Geringere ist, denn sein Pflichtbewusstsein
nach beiden Seiten unterliegt keinem Zweifel. Aber wir wissen auch, dass er jeden
Abend vor dem Schlafengehen im Nachtemd auf der Kante seines Bettes sitzt und
sich mit düsterer Miene erinnert, dass ihn der Regierungsrat Hermann heute
ziemlich nachlässig gegrüßt hat; mit Bedauern nehmen wir von der Tatsache
Kenntnis, dass er seine Schüler, selbstverständlich nur die faulen und
störrischen, mit einem sorgsam getrockneten spanischen Rohrstock empfindlich zu
züchtigen pflegt, und leider dürfen wir nicht verhehlen, dass er seine gutmütige
Frau nicht immer so zart und rücksichtsvoll behandelt, wie es vor Fremden
geschieht, die nach ihren Beobachtungen ohne weiteres der Ansicht sind, dass
diese Ehe als das leuchtende Beispiel eines guten Einvernehmens zwischen Gatten
zu betrachten sei.
    So war für Kaspar, der den Vorteil unsrer Allwissenheit und Allgegenwart
natürlich nicht genießt, Herr Quandt eine zwar dunkle und unfrohe, aber durchaus
imponierende Gestalt. Ein bisschen Alpdruck spürte er jedesmal, wenn Quandt in
wunderlich forschendem Ton und mit unabgewandtem Blick zu ihm sprach. Er fühlte
sich anfangs bedrückt in dieser gar engen Häuslichkeit, in der
