, der nun den
gesitteten Menschen von Lebensart zugerechnet werden muss, unerkannt in eine
Gesellschaft, so würde er doch als eine befremdliche Erscheinung auffallen; sein
Gang hat etwas von dem Furchtsam-Zaudernden und Vorsichtigen einer Katze; seine
Züge sind weder männlich noch kindlich, weder jung noch alt: sie sind alt und
jung zugleich, besonders auf der Stirn verraten einige leicht gezogene Furchen
seltsam ein vorzeitiges Altern. Auf seiner Lippe sprosst heller Bartflaum dies
scheint ihn oft befangen zu machen, will auch nicht zu der sanften
Mädchenhaftigkeit des Gesichts und den noch immer bis zur Schulter hängenden
braunen Haarlocken stimmen. Seine Freundlichkeit ist herzgewinnend, sein Ernst
bedächtig, über beiden schwebt stets ein Hauch von Melancholie. Sein Benehmen
ist altklug, hat aber eine vornehme, ganz ungezwungene Gravität. Tölpelhaft und
schwerfällig sind bloß noch manche seiner Gebärden, auch seine Sprache ist hart
und die Worte sind ihm nicht immer bereit. Er liebt es, mit wichtiger Miene und
in anmassendem Ton Dinge zu sagen, die bei jedem andern läppisch klängen, aus
seinem Mund jedoch sich ein schmerzlich-mitleidiges Lächeln erzwingen; so ist es
höchst possierlich, wenn er von seinen Zukunftsplänen spricht, von der Art, wie
er sich einrichten wolle, wenn er was Rechtes gelernt, und wie er es mit seiner
Frau halten wolle. Eine Frau betrachtet er als notwendigen Hausrat, als etwas
wie eine Obermagd, die man behält, solange sie taugt, und fortschickt, wenn sie
die Suppe versalzt oder die Hemden nicht ordentlich flickt.
    Sein immer sich gleichbleibendes stilles Gemüt ähnelt einem spiegelglatten
See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Er ist unfähig zu beleidigen, er kann
keinem Tier weh tun, er ist barmherzig gegen den Wurm, den er zu zertreten
fürchtet. Er liebt den Menschen; jedes Menschengesicht wird ihm zum
Götterantlitz, und er sucht den ganzen Himmel darin. Nichts Außerordentliches
ist mehr an ihm als das Außerordentliche seines Schicksals. Ein reifer Jüngling,
der keine Kindheit besessen, die erste Jugend verloren, er weiß nicht wie, ohne
Vaterland, ohne Heimat, ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne Altersgenossen, ohne
Freunde, gleichsam das einzige Geschöpf seiner Gattung, erinnert ihn jeder
Augenblick an seine Einsamkeit mitten im Gewühl der ihn umdrängenden Welt, an
seine Ohnmacht, an seine Abhängigkeit von der Gunst und Ungunst der Menschen.
Und so ist eigentlich all sein Tun nur Notwehr; Notwehr seine Gabe zu
beobachten, Notwehr der umsichtige Scharfblick, womit er jede Besonderheit und
Schwäche des andern erfasst, Notwehr die Klugheit, womit er seine Wünsche
anbringt und den guten Willen seiner Gönner sich dienstbar zu machen weiß.
    Ja, Eure Exzellenz, er ist ohne Freunde. Denn wir, die ihm wohlwollen, ihn
vor der gröbsten Bedrängnis des Lebens
