«
    Welche Laute, welche Fernen! Mit offenbarer Lust schürte der Graf das Feuer
des Verlangens in Kaspar. Vielleicht nahm er es mit seinen Verheißungen ernst.
Vielleicht bereitete es ihm bloß eine Wonne, Wunsch und Lüste aufzupeitschen.
Vielleicht war es nur ein Spiel der Rede. Vielleicht aber das furchtbare
Vergnügen, dem Vogel im Bauer, im nie zu öffnenden, so lange vom Flug durch den
goldnen Äther zu erzählen, bis endlich der jubelnde Freiheitsgesang durch seine
Kehle bricht.
    Wie er sprach, wie er die Worte besaß! Zwischen den Lippen und den weißen
Zähnen spielte das Lächeln wie ein listiges Tierchen. Er war nicht gleichmäßig
heiter. Was war das? Oft zog Finsternis über sein Gesicht. Bisweilen pflegte er
aufzustehen und wie ein Lauscher an die Tür zu treten. Seine Liebkosungen waren
nicht selten voll Schwermut, dann saß er wieder schweigend da, und sein
suchender Blick glitt düster an dem Jüngling vorüber. Da fasste Kaspar einmal Mut
und fragte: »Bist du denn eigentlich glücklich, Heinrich?«
    »Glücklich, Kaspar? O nein. Glücklich, was sprichst du da? Hast du schon von
Ahasver gehört, dem ewigen Juden, dem ewigen Wanderer? Er gilt als der
unglücklichste aller Menschen. Ach, ich möchte mein Leben vor dir aufblättern,
denn auf seinen dunkeln Seiten liegt der Gram. Aber ich darf nicht, ich kann
nicht. Später vielleicht, wenn dein eigenes Geschick sich entschieden hat, wenn
du mit mir in meine Heimat gehst ...«
    »Ist denn das möglich, wird denn das sein?«
    Es schüttelte den Lord plötzlich; es war, als werfe er einen Mantel ab oder
wolle sich einem unsichtbaren Druck entziehen. Eine krampfhafte Lebendigkeit
ergriff ihn, er begann von Kaspars künftiger Größe zu sprechen, doch wie stets
nur in geheimnisvollen Wendungen und mit der feierlichen Ermahnung zur
Verschwiegenheit. Ja, er sprach von Kaspars Reich, von seinen Untertanen, und
das zum erstenmal, wie einem Zwang gehorchend, selber schaudernd, selbst
zitternd, immer von neuem das Gelöbnis des Schweigens betonend, hingerissen von
einem Phantom gleichsam und alle Gefahr vergessend. »Ich will dich führen; ich
will deine Feinde zermalmen, du bist tausendmal mehr wert als jeder einzelne von
ihnen. Wir gehen zuerst nach dem Süden, um sie irrezuführen, dann fliehen wir zu
mir nach Hause, schaffen uns einen Hinterhalt, von wo die Verfolger zu treffen
sind, wo man Kräfte sammeln kann für den entscheidenden Schlag.«
    Wieder zur Tür; wieder lauschen; nachsehen, ob kein Horcher versteckt sei.
Dann, ängstlich ablenkend, schilderte der Graf seine Heimat, den Frieden eines
englischen Landsitzes, die herrenhafte Unabhängigkeit auf erbgesessenem Gebiet;
die tiefen Wälder und klaren Flüsse
