 dem Gläslein dieses kleinen Weibleins
entgegenguckt, und trotzdem verdammt zu sein, dieses kleine Weiblein, das du
weit überschaust, überfühlst und überdenkst, wie den Heiligen Gral zu begehren,
nach ihr zu lechzen wie ein Verdurstender nach dem rettenden Quell! Wie erklärst
du das?«
    »Torheit, Torheit, mein Lieber!« lachte die Vernunft. »Doch üb du nur ruhig
deine Torheiten weiter; das verspricht mir, dass dereinst noch etwas Vernünftiges
aus dir wird.«
    So unterhielt er sich mit der Vernunft über seinen Fall. Deswegen wurde ihm
nicht um den geringsten Grad besser; im Gegenteil. Es ging ihm wie mit den
Zahnschmerzen: je mehr man daran denkt, desto ärger wird es; und wenn man
versucht, nicht daran zu denken, so zwingt einen der Schmerz, an den Schmerz zu
denken. Wohin sollte er aber auch seine Gedanken retten, dass sie nicht den
Schmerz vorfänden? Ob er jenseits des gestirnten Himmels in die Religion, ob er
in den strahlenden Schöpfungsäter der Poesie flüchtete, immer stieß er auf
seine Verdammnis, immer begegnete er diesem einen unseligen lieben
Menschengesicht, das ihn überall hin verfolgte, um ihn von überall her mit
seinem schönen kalten Blick zu vernichten.
    O ihr Gedankenlosen, die ihr über das Leid unerwiderter Liebe lächelt!
Nehmt, eine Mutter sähe ihr verstorbenes Kind, ihr einziges, aus dem Grabe
steigen, lieblich und schön, von Himmelsglanz verklärt; sehnsuchtschreiend
stürzte sie ihm entgegen; das Kind jedoch kehrte sich von ihr ab, fremden
Blickes, mit verächtlichem Lippenrümpfen: Was will mir die dort? Würdet ihr da
lächeln? Genau so war ihm zumute; das teuerste Stück seiner selbst aus ihm
herausgerissen, gesondert umherwandelnd und ihn verleugnend. Und das tat so
grausam, so unleidlich weh, dass er manchmal meinte, es dürfe einfach nicht sein,
weil er es nicht ertragen könne.
    Allein er war kein Schwächling, vielmehr standhaft und zäh. Darum rief er
seinen Verstand zu Hilfe. »Da! so stehts. Leben muss ich; ertragen kann ichs
nicht. Also was?«
    Ihm antwortete der Verstand: »Komm, ich will dir etwas zeigen.« Und führte
ihn vors Schlachtaus. »So, jetzt, denk ich, kannst dus ertragen.« Hierauf,
nachdem sie wieder zu Hause angelangt waren, fuhr er fort: »Siehst du, die ganze
Kunst besteht darin, nichts Unheilvolles zu tun; tu lieber gar nichts. Beiss die
Zähne zusammen, oder schrei meinetwegen, wenns nicht anders geht; nur schrei
nicht mit den Händen. Die Stunde besiegen ist alles; wer die Stunde besiegt,
besiegt den Tag; wer den Tag besiegt, besiegt das Jahr; nur immer gerade jetzt
nichts
