 er
jedenfalls nicht: er ist nicht kleinlich. Man stößt auf keinen Direktor Wyss
zwischen sich und ihm, man hängt nicht von der Gewogenheit eines Kurt ab, die
Madonna der Christen gebärt kein Rudel von Buben, um deretwillen sie Himmel und
Erde vergässe. Einen Menschen anbeten: nicht viel gescheiter als einen Wurm
anbeten. Mit hellem Geiste sah er das ein; allein Einsicht heilt keine
Entzündung. Sieh ein, dass das Gift, das dein Blut zu Eiter zersetzt, nur ein
verächtliches Körnlein Schmutz ist, der Brand frisst trotzdem weiter.
    Eben darum aber, weil seine Liebe Religion war, weil ihm in Teuda-Imagos
symbolischem Antlitz alles Leben der Welt mitklang wie im Mutterangesicht die
Heimat, verspürte er sein Leiden am schmerzlichsten in den edelsten Teilen der
Seele. All die Andeutungen und Bedeutungen, all die Lichter, Gesichter und
Gedichter, die da über die Brücke gewandelt kommen, welche die Wirklichkeit mit
der Geisteswelt verbindet, langten wund an, mit einem blutigen Stich; sein
gesamtes Lebensgefühl erkrankte zu einem sehnsüchtigen Heimweh; Heimweh nach
ihr, Heimweh nach der gemeinsamen Heimat aller Geschöpfe, Heimweh nach sich
selber. Denn er war ja sie; aber - o Höllenwunder der Unmöglichkeit! - sie war
nicht er.
    Und da er ein Mensch von Geist war, gezwungen, wenn er gebissen wurde,
wissen zu wollen, was für eine Schlange ihn biss, mochte er sich mit seiner
Vernunft über das Wunder der Lieblosigkeit unterhalten; zwecklos, wohl wissend,
dass ihm die Erkenntnis nichts nützen würde, nur weil er als Denker nicht anders
konnte als denken. Herzeleid aber stellt nicht das Denken still, im Gegenteil,
es nötigt die Gedanken zu nagen. »Bist du wach? hast du Zeit? kannst du mir das
Rätsel lösen, wie es seelenmöglich ist, dass ein Mensch, dem man das höchste Gut,
den einzigen Trost auf Erden, also die Liebe schenkt, einem nicht mit Gegenliebe
vergilt?«
    Die Vernunft antwortete: »Sammle und vergleiche: Wenn du den lieben Gott
liebst, liebt er dich wieder?« »Ohne Zweifel.« »Wenn du den Papst liebst, liebt
er dich wieder?« »Mässig.« »Wenn du die Herzogin von Aragonien und Kastilien
liebst, liebt sie dich wieder?« »Wird ihr schwerlich einfallen.« »Wenn du eine
Schnecke liebst, liebt sie dich wieder?« »Könnte sie schon gar nicht.« »Nun
also, da hast dus. Je tiefer hinunter mit der Seele, desto weniger Liebe. Liebe
bedingt Seelenfülle, Lieblosigkeit verrät Stumpfheit. Punktum.«
    »Und das alles klar zu wissen, haarscharf einzusehen, es ist nur dein
eigenes Phantasie-Ei, das dir aus
