 sie deutlich. Schon sein lockerer Lebenswandel, aus
welchem er nicht einmal ein Hehl machte! »Doch seien wir nicht ungerecht; suchen
wir ihm eine gute Seite abzugewinnen.« Allein sie mochte ihn drehen, wie sie
wollte, es kam nirgends eine gute Seite zum Vorschein, und sein
Eigenschaftsverzeichnis sah einem Sündenregister nicht unähnlich.
    Sein unmännliches, übersanftes, fast süssliches Auftreten, ohne Mark, ohne
Kraft, ohne Charakter, mit seiner leisen Stimme, seiner übertriebenen
Höflichkeit, seiner geckenhaften Kleidung, seiner gezierten, fremdartigen
Sprache - sein undurchsichtiges, vielgestaltiges und vieldeutiges Wesen,
verschlossen und hinterhältig, wo man nie weiß, woran man mit ihm ist, jeden Tag
ein anderes Gesicht (»ich liebe einfache, offene, aufrichtige Menschen«) - seine
höhnische, frivole Gesinnung, die alles, selbst das Heiligste, Heimat und
Vaterland, Moral und Religion, Poesie und Kunst mit wohlfeilen Paradoxen in den
Spott zog - ohne Ernst und Tiefe, ohne Grundsätze, ohne Ideale - kein Schwung,
keine Wärme, kein Gefühl (wie kann zum Beispiel jemand die Musik nicht lieben?
außer er habe kein Herz!). »Gemüt jedenfalls hat er keines; an wen hat er sich
denn in den drei Wochen angeschlossen? An niemand.« - Und dann seine anmasslichen
Absprechereien, seine albernen Taktlosigkeiten und Narrheiten, die mitunter an
Beleidigung streiften! Hatte man doch zum Beispiel die größte Mühe gehabt, ihm
abzugewöhnen, dass er sie Fräulein nannte.
    Nein, ihr Widerwille war nicht ungerecht; was auch Frau Keller und ihr Mann
zu seinen Gunsten sagen mochten. Auch ihr Vater würde ihn verurteilt haben; mit
einem einzigen Wort hätte er ihn verdammt: »Er ist nicht klar.« Sie hörte den
Ton seiner ehrwürdigen Stimme, wie er das gerufen hätte. Und da eben Frau Keller
Viktors Talente rühmte: »Ja, wo sind sie denn, seine Talente?« rief sie, »bitte,
zeigen Sie mir an ihm ein Talent, ein einziges! Was kann er denn? oder was weiß
er? Ich sehe überall von den Talenten nur die Abwesenheit.«
    »Geist wenigstens werden Sie ihm zugeben müssen«, mahnte Frau Keller.
    Jetzt aber riss der Frau Direktor die Geduld: »Geist?« brauste sie unwillig
auf - »auch ich liebe und schätze den Geist; doch es fragt sich, was für ein
Geist. Geist nach meiner Meinung fördert etwas Rechtes zutage, Wahrheit oder
Schönheit, Taten oder Werke; Geist verehrt das Ehrwürdige, verneigt sich vor dem
Verdienst, begeistert sich für das Hohe und Edle; Geist spricht vor allem, wo es
sich um ernste Dinge handelt, ernst. Dagegen diese windigen, witzigen
Sprachspielchen, ich gestehe,
