 »Der Grund des Versagens ist
folgender: Dieses Dämchen ist glücklich und zufrieden; sie bedarf daher nichts
und begehrt deshalb nichts, am wenigsten von mir; ich bin ihr einfach
überflüssig. Die Vergangenheit aber hat sie begraben, und zwar ohne Denkmal. Das
also ist der Grund, dass mein Auftreten versagt hat. Mit meinem künftigen
Verhältnis zwischen mir und ihr aber steht es so: Meine geistige Überlegenheit
nützt mir hier nicht das mindeste, denn sie vermag sie gar nicht zu ermessen.
Sie schadet mir sogar; denn durch meinen Geist gerate ich in Widerspruch zu
ihren Überzeugungen, die darum nur um so störrischer sind, dass sie sie aus
anderer Leute Köpfen bezieht. Mit einem Wort: sie isst nicht von dieser
Konfitüre, um mit Frau Steinbach zu reden. Wer einen Charakterkopf verehrt, wer
einen Kurt bewundert, wird niemals einen Viktor hochschätzen; das ist
naturunmöglich; denn eines schließt das andere aus. Nun ist aber der
Charakterkopf ihr Vater, der Kurt ihr Bruder. Ich musste demnach einen Kampf
gegen ihr eigenes Blut und gegen ihre schönste Tugend, die Pietät, beginnen.
Folglich -« hier jedoch stockte sein Gedanke, gegen die Schlussfolgerungen sich
sträubend.
    Statt seiner ergänzte den Satz eine leise Stimme aus dem dunkelsten Grunde
seines Gefühls: »Hoffnungslos«, murmelte die Stimme. Und als ob das ein
Stichwort gewesen wäre, erhoben sich jetzt plötzlich von allen Seiten Hunderte
von Stimmen, die sämtlich das Wort hoffnungslos hersagten, in ewiger
Wiederholung, mit scharfem Tonschritt, immer lauter und mächtiger, lawinenartig
anschwellend, wie die Zuschauer im Zwischenakt, wenn der Vorhang nicht auf will.
    Da ließ Viktor den Kopf hangen, überzeugt, aber willenlos.
    Ihm tippte der Verstand auf die Schulter: »Viktor, du hörst das Urteil des
Volkes, es stimmt zu dem meinigen, und im Grunde auch zu deinem eigenen. Kurz,
hier ist kein Klima für dich.«
    »Also was denn?«
    »Aufpacken und abreisen.«
    »Ja, wenn du meinst, es munde meinem Selbstgefühl, mich kleinlaut
davonzuschleichen, nachdem ich als zürnender Odysseus dahergefahren, so
täuschest du dich.«
    »Wird es etwa deinem Selbstgefühl besser munden, dereinst gedemütigt
abzuziehen, schimpflich geschlagen, mit schwärenden Wunden, das Herz voll
bitterer Galle?«
    »Irgendeine Genugtuung, irgendeinen Triumph über die Verräterin ist mir das
Schicksal doch schuldig.«
    »Das Schicksal ist ein schlechter Zahler. Komm, sei gescheit und renn nicht
mit dem Kopf gegen die Mauer.«
    Viktor seufzte und schwieg eine Weile. Darauf versetzte er: »Du magst
vielleicht recht haben; auch ist ja nicht gesagt, dass ich dir nicht schließlich
nachgebe; allein ich möchte zuerst noch ein bisschen die Torheit strampeln
