 sie vor sich hatte;« dabei machte er
eine kleine verbindliche Neigung des Kopfes zu dem Prinzen hin.
    »Still, sie fängt an,« sagte die Herzogin, »ich bin voll Neugierde.«
    Rosa hatte ein paar Augenblicke sinnend auf den Zettel geblickt, den sie in
der Hand hielt, dann erhob sie ihre schönen, reinen, träumerischen Augen und wie
in eine andere Welt schauend, begann sie mit derselben wohltönenden Stimme:
»Wie du so launisch bist, Natur, im Schaffen!
Wo ernste Riesenhäupter stolz sich heben,
Die schwarze Tanne kühn gen Himmel strebt,
Und ihr zu Füßen Alpenblumen blühen,
Der Schmetterling auf würz'ger Kräuter Spitzen
Sein kurzes Sein in heiterer Lust verbringt
Und alles Paradiesesfrische atmet -
Da trittst du ein in einer Hütte Raum
Und lässest drin ein Kind geboren werden,
Dem flüsterst du das göttliche Geheimnis
Der ew'gen Schönheit in die junge Seele,
Es schaffend einst im Bild zu offenbaren.
Zur Königin der Städte steigt er nieder
Und seiner Hand entblühen Wunderwerke.
Ihn grüßt die Welt mit staunendem Entzücken,
Im Reich der Farben Fürst von Gottes Gnaden,
Und den entfall'nen Pinsel ihm zu reichen
Bückt sich der Herrscher einer halben Welt,
Du aber wandelst heimlich lächelnd weiter,
Und schreitest kalt vorbei an den Palästen
Der stolzen Städte, an des Reichtums Prangen.
So in die Krippe legtest du Erlösung
Der Menschheit einst, um mahnend es zu künden,
Dass nie von dieser Welt dein Reich gewesen.«
Lebhafte Beifallsbezeigung erscholl, als sie schwieg.
    Donna Giulia erhob sich und trat auf die Improvisatrice zu, ihr mit
liebenswürdigen Worten ihre Anerkennung aussprechend. Auch der Kardinal und der
Prinz folgten ihrem Beispiel und der erstere, der sie bereits kannte, sagte,
indem er auf den Prinzen deutete: »Sie haben gleich den Gedanken Seiner Hoheit
ausgeführt; das Thema hatte er gegeben.«
    »Ja, es freut mich, dass der Name Ihres großen Landsmannes Ihnen hat dienen
können,« sagte der Prinz, der freundlich auf das anmutige Mädchen sah, deren
vergeistigter Ausdruck der jugendlichen Erscheinung einen besonderen Zauber
verlieh.
    »Ich bin oft in dem kleinen Hause gewesen in Pieve di Kadore, wo er geboren
wurde,« sagte Rosa, »und man begreift es dort, wie er zum Künstler werden musste,
inmitten der wunderbaren Bilder, die die Sonne und die Wolken und die
verschiedenen Tageszeiten auf die herrliche Dolomitenwelt malen. Übrigens war er
nur der größte von einer Reihe von Künstlern, alle seiner Familie angehörig.«
    Der Direktor der Abendunterhaltung unterbrach das Gespräch, sich gegen die
daran Beteiligten entschuldigend, indem er sagte: das Publikum verlange
sehnlichst, die Künstlerin noch einmal zu hören, wenn diese so freundlich sein
wolle,
