ich möchte das Talent der
Dichterin gerade in dieser Probe sehen. Sie nehmen mein Thema an, Madamigella?«
fragte er Rosa.
    »Ja, ich bin bereit,« erwiderte diese, und ihre sonst so sanften Augen
hatten einen dunklen Glanz; »ich bitte um einen Augenblick Nachdenken.«
    Die Fürstin lud die Herren ein, zu ihren Sitzen zurückzukehren, und Rosa
stand einige Augenblicke in sich versunken; dann richtete sie sich empor; noch
tieferer Ernst wie gewöhnlich lag auf ihrem Angesicht. »Sie sieht aus wie der
Erzengel Michael, der kommt, Gericht zu halten, es fehlt ihr nur das Schwert,«
flüsterte Raden dem Prinzen zu, hinter dessen Stuhl er stand; er hatte die
Aufgabe des Herzogs gehört. Rosa begann:
                                 Die Erinnyen.
Immer noch schreiten
Zur Nachtzeit
Jene Dunkelen
Über die Erde,
Die ein ehernes Fatum
An die Taten sterblicher Menschen
Mit rächender Vollmacht gebunden.
Aber nicht Schlangenhaar schüttelnd,
Furchtbares Grausen erregend,
Wie sie des Muttermörders
Blutige Spur einst verfolgten,
Nahen sie mehr.
Traurig gesenkten Hauptes,
In graue Schleier gehüllt,
Gleitet lautlos ihr Fuß
Über die nächtige Welt.
Während droben im Äther
In heiterer Klarheit
Ewige Sterne
Freundlich schimmernd glänzen
Gleich den seligen Göttern
Unbekümmert
Um das tränenvolle
Leid der Erdgebornen.
Auch die Menschen,
Die müden,
Hören die Wandelnden nicht;
Nur im Schlaf scheint es ihnen
Wie ein klagendes Rauschen,
Als wenn der Nachtwind
Durch Pinienzweige hindurchfährt.
Aber dem Wissenden,
Der in den Nächten
Einsamen Grames
Mit Geistern verkehren gelernt hat,
Ihm ertönen deutlich vernehmbar
Die klagenden Weisen,
Die jene singen;
Mischen sich traurig
Mit Seufzern der Wehmut,
Die aus dem Herzen
Selber ihm dringen:
»Wehe,« so singen sie,
»Weh den Betörten,
Die götterentfremdet
In dem Vergänglichen
Ängstlich sich mühn,
Von der wahrhaftigen
Ewigen Liebe
Tollkühn sich wenden,
Um im Taumel der Sinne,
Oder in weichlichen,
Unklaren Träumen
Schatten zu haschen.
Wehe dem Dasein,
Wo die heimlichen Tränen
Verwundeter Neigung
Ungesehn fließen;
Wo heilige Opfer
Vergeblich sich bringen
Und wo am Kreuze,
Nicht nur auf Golgata,
Grossmüt'ge Herzen
Langsam verbluten;
Wo an eherner Kette
Tat und Folge sich halten
Und aus schuldigem Tun
Schuldige Frucht sich erzeugt.
Wehe, wehe der Welt!
Götter starben
Vergeblich für sie,
Ohnmächtig, sie zu erlösen;
Tempel, von der Begeisterung erschaffen,
Stürzten in Trümmer;
Über zerstörte Ideale
Schritt die Zeit
Achtlos hinweg.
Rettung gibt's nimmer,
Denn der furchtbare Gott,
Der sich hier kund gibt,
Knüpft an seine Erscheinung
Ewig die Schuld.
Wir aber, wir müssen es
Traurig vollenden,
Und die Qual, die das Herz nagt,
Ist unser Werk.«
Sie sangen's!
Fern
